Plädoyer für die Erneuerung westliche Kultur

Verfall der Lesekultur, Ausrichtung aller Interessen an der Karriere und unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, Auflösung der Familie, Vereinsamung und Beziehungsunfähigkeit – die Reihe der Symptome einer kranken (nur westlichen?) Gesellschaft ließe sich fast beliebig fortsetzen und wird heute von niemandem ernsthaft in Frage gestellt. Sucht man allerdings nach Ursachen oder forscht man nach Auswegen aus dieser Situation, so hört man divergierende Vorschläge, oft ideologisch behaftete Schuldzuweisungen und leider nur allzu selten konkrete Perspektiven, an denen gemeinsam weitergebaut werden könnte.

Schuld an der Misere der amerikanischen Gesellschaft ist nach Ansicht Blooms die falsch verstandene, simplifizierende und unhistorische Ubernahme geistiger Traditionen aus Europa. Die ehemals naturrechtlich gestützten Prinzipien der Gründungsväter hätten einem verfänglichen Nihilismus in Anlehnung vor allem an Nietzsche, Heidegger, Freud und Weber Platz gemacht, und letztlich zu einem Verlust humanistischer Tradition und Geisteshaltung geführt. Aufgeschllossenheit bedeute heute weit eher Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit als aufrichtiges Streben nach Wissen und Gewißheit.

Bloom bietet im ersten Teil seines über weite Strecken provokanten “Essays”, der vor allem durch die Fülle von Bezügen auf die europäische Philosophie, erstaunt, eine sehr persönlich gefaßte Darstellung der (akademischen) Jugend seines Landes. Die weit verzweigten Grabungsarbeiten auf der Suche nach den Wurzeln des gegenwärtigen Übels führen Bloom – wie einst die deutschen “Klassiker” – an die Wiege der abendländischen Kultur. Im Sokratischen Konzept selbstkritischer Wahrheitsfindung auf der Basis gleichwertiger, freier Bürger ist für Bloom das nach wie vor unübertroffene Ideal akademischer Tugend vorgegeben. Dies sucht der Autor in einem methodisch eigenwilligen geistesgeschichtlichen Exkurs über die Entwicklung der abendländischen Hohen Schulen nachzuweisen, der bis zu den (auch hierzulande) offenkundigen Problemen der Gesellschaft mit ihren Universitäten führt. Seinem Ideal humanistisch ganzheitlicher Bildung weit entrückt, sieht der Autor Natur-, Sozial-, und Geisteswissenschaften als drei Inseln, die immer weiter auseinanderdriften und so die Krise unserer Kultur verschärfen. Selbst Triumphe der Naturwissenschaften werfen heute immer breitere Schatten, und von der ehemals leitenden Funktion philosophischer Diskurse, in denen die auch heute nichtbeantworteten Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz gestellt wurden, ist man weiter entfernt denn je.

Wenn der über weite Strecken pointiert sarkastisch formulierende Bloom behauptet, daß “Amerika . . . die Erfahrung des unaufhaltbaren Fortschritts von Freiheit und Gleichheit . . . vermittett”, so klingt dies – nur für europäische Ohren? – doch laut und pathetisch. Entscheidender freilich ist eine Frage, auf die Bloom leider nicht näher eingeht: Bedeutet die Tatsache, daß auch wir am “Niedergang des amerikanischen Geistes” leiden, daß wir unsere eigene Geschichte falsch verstanden hätten? Oder könnte es nicht auch sein, daß wir der amerikanischen Versuchung erlegen sind? Zur Debatte um die Zukunft der deutschen Universitäten vgl. auch die seit Herbst 1987 laufende “Zeit”-Diskussion, in der sich Peter Glotz kürzlich gegen die “Bodenlosigkeit des Spezialistischen und für eine “Orientierung an den großen Fragen der Zeit” einsetzte (Die Zeit. 1988, Nr. 16), während zuletzt Claus Leggewie für ein neues akademisches Milieu auf breiter Ebende plädierte (Die Zeit. 1988, Nr. 21, S. 57).

Bloom, Alan: Der Niedergang des amerikanischen Geistes. Ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1988. 516 S. DM 48,- / sFr 40,70/ öS 374,40

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