Eine Diktatur der Moral

Unter dem Mantel der Moral lasse sich trefflich der eigene Vorteil verbergen. Das betont Günter Ogger in seinem Buch “Die Diktatur der Moral. Wie ‘das Gute’ unsere Gesellschaft blockiert”. Ogger scheint auf den ersten Blick die Argumente des österreichischen Philosophen Robert Pfaller zu unterstützen. In Wirklichkeit aber bleibt Ogger sehr an der theoretischen Oberfläche der Auseinandersetzung, die Verbindung zu Pfaller ist schwächer als man vermutet.
Ogger akzeptiert einerseits die positiven Wirkungen, die Moral auf die Gesellschaft hat. “Die Energie, die ihrer Moral verpflichtete Menschen entwickeln, zeige sich überall in der Welt. Sie explodierte im Arabischen Frühling, und verjagte in der Ukraine den Kleptokraten Janukowitsch, sie krempelte die größten Banken, die gewaltigsten Konzerne um, zwang Regierungen zum Kurswechsel und verändert die Bedingungen für nahezu sämtliche Aktivitäten. “Doch wo die Moral ihre Macht zeigt, ist die Heuchelei nicht weit, und manchmal fällt es schwer, den Unterschied zu erkennen.” (S. 11)

Anhand vieler Beispiele versucht Ogger dies zu erläutern. Auch der Umweltschutz gerät dabei in sein Visier. Nirgendwo beeinflusse die Moral das Denken und die Lebensgewohnheiten der Menschen mehr als bei ihrem Verhältnis zur Umwelt. In manchen Kreisen der Bevölkerung habe das “grüne Bewusstsein” die Qualität einer Religion angenommen, über deren Glaubenssätze keine Diskussion mehr zugelassen sei. Dabei seien viele Positionen der Umweltbewegung in Frage zu stellen. “Fragwürdig ist auch das Nachhaltigkeitsverständnis mancher Naturschutzverbände. Obwohl es in Mitteleuropa kaum einen Quadratmeter Boden gibt, der im Laufe der Zeit nicht von Menschen bearbeitet, verändert, kultiviert wurde, lehnen sie jeden weiteren Eingriff in die Natur kategorisch ab.” (S. 211) An diesem Beispiel sieht man sehr schön, dass Ogger hier eine Streitschrift vorgelegt hat. Überspitzungen nützt er, um sein Anliegen transparent zu machen. Es gibt natürlich kaum Naturschutzverbände, die “jeden weiteren Eingriff” ablehnen. Aber darum geht es ihm in Wirklichkeit nicht: Vielmehr warnt er polternd davor, Positionen aus dem Diskurs zu nehmen, unkritisierbar zu machen, zu Dogmen zu erheben. Genau das konstatiert er bei der Öko-Bewegung: “Es ist die Erstarrung, das Festhalten am Erreichten und die Blockade des Neuen, das die Öko-Bewegung heute kennzeichnet. Sie wird zum Bremser der Welt, die sich immer schneller dreht.” (S. 223)
So wichtig die Moral für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sei, so schnell werde sie zum Übel, wenn sie den gesellschaftlichen Disput dominiere. Das christliche Abendland war, solange es vom Dogma der Kirche beherrscht wurde, rückständiger als der Islam. Heute hätten die von islamischen Dogmatikern beherrschten Staaten Nachholbedarf. Die Moral, ob christlich oder islamisch, sei nur eines von vielen Elementen, die eine Gesellschaft ausmachen. Allerdings sei sie geeignet, allen anderen ihren Stempel aufzudrücken.
“Ohne Moral sinkt die Gesellschaft ins Chaos, zu viel Moral blockiert sie. Der Egoismus bringt Wachstum, Ideen und Projekte, die Moral Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich und Stabilität. Jede Gesellschaft braucht beide Elemente; entscheidend für ihre Prosperität und Dauerhaftigkeit ist die richtige Balance.” (S.311) Ogger meint, dass die Diktatur der Moral das 21. Jahrhundert prägen werde. Sie werde die Art, wie wir denken, handeln, Geld verdienen, radikal verändern. (S. 389)
An dieser Stelle fragt man sich: Warum? Warum wird die Moral das 21. Jahrhundert prägen? Und dieses “Warum?” wird in der Streitschrift häufig nicht beantwortet. Auch die Erklärung wie wir Moral von anderen Zwängen abgrenzen, bleibt schemenhaft. Vieles klingt plausibel, da es bunt illustriert ist. Aber alles es ist eher laut als präzise argumentiert.

Ogger, Günter: Die Diktatur der Moral. Wie “das Gute” unsere Gesellschaft blockiert. München: dtv, 2015. 389 S., € 21,90 [D], 22,60 [A]
ISBN 978-3-423-28053-2

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