Neues von Zizek

zizekSlavoj Zizek will eine dritte Position einnehmen. In seinem neuen Buch „Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror“ stellt er sich gegen die rechts-populistischen Argumente für die Abschottung Europas und gegen einen linksliberalen Moralismus, wie er ihn nennt. Seine dritte Alternative bleibt aber schemenhaft.

Das ist Zizeks Argument: Die Flüchtlingskrise habe ökonomische Wurzeln, vor allem darin, dass Nahrungsmittel als Waren behandelt werden (S. 38). Europa sei für die wirtschaftliche Misere der Ursprungsstaaten der Flüchtlinge mitverantwortlich. Das würden auch Flüchtlinge so sehen und deswegen nie Dankbarkeit empfinden für die Menschen, in deren Länder zu kommen sie es nach Bewältigung so vieler Probleme geschafft haben. (S. 43) Sie wollten ein Stück vom Kuchen abhaben, ohne ihren eigenen Lebensstil zu ändern, dessen Grundzüge jedoch teilweise nicht mit den ideologischen Grundlagen westlicher Sozialstaaten vereinbar seien. (S. 49)

Die wahre Bestrebung sollte es sein, die Basis der Gesellschaft weltweit so umzugestalten, dass keine verzweifelten Flüchtlinge mehr auf diesen Weg gezwungen werden. Die Flüchtlingskrise biete Europa die einzigartige Chance, sich neu zu definieren, sich in aller Deutlichkeit von zwei polaren Kräften abzugrenzen, denen es sich gegenübersieht: dem angelsächsischen Neoliberalismus und dem autoritären Kapitalismus mit „asiatischen Werten“ (S. 12-13). Um dieses selbstbewusste Europa zu bauen müsse man sich von der Kritik am Eurozentrismus verabschieden. „Wir tendieren dazu, elementare westliche kulturelle Werte ausgerechnet in einer Zeit zu verwerfen, in der viele davon (beispielsweise Egalitarismus, Grundrechte, Sozialstaat) in einer neuen kritischen Interpretation durchaus als Waffe gegen kapitalistische Globalisierung dienen können.“ (S. 17) Auch die Verteidigung der eigenen Lebensweise dürfe nicht der Rechten überlassen werden. Es solle vielmehr gezeigt werden, dass fremdenfeindliche Populisten unsere Lebensart in viel größerem Ausmaß bedrohen als alle Einwanderer zusammen. Natürlich dürfe der Islam kritisiert werden. Die Linke habe jedoch in den USA und in Europa eine andere Argumentation gewählt und bezahle dies mit dem Verlust der Unterstützung in wirtschaftlich schwächeren Gruppen. Zizek sieht die Ursache darin, dass der Kulturkampf ein verschobener Klassenkampf sei. Die herrschende Klasse stimme zwar mit der populistischen immigrationsfeindlichen Agenda nicht überein, toleriere sie jedoch als Mittel, die unteren Klassen in Schach zu halten (S. 51). Die Linksliberalen, wie Zizek sie nennt, bekennen sich zwar zur Solidarität mit den Armen, richten ihren Kampf für multikulturelle Toleranz aber gegen die wahrgenommene Intoleranz der „Unterschicht“ (S. 53).

Also: Was ist zu tun? „Die Kunst besteht darin, den richtigen Mittelweg zwischen den Bedürfnissen und Wünschen der Flüchtlinge … und den Kapazitäten der verschiedenen Länder zu finden.“ (S. 77) Um dem Chaos Herr zu werden, brauche es eine gesamteuropäische Koordination und Organisation. Zizek plädiert für Aufnahmezentren in der Nähe der Krisengebiete und die organisierte Weiterreise derer, die sich in Europa registrieren dürfen. „Das Militär ist der einzige Akteur, der eine solche gewaltige Aufgabe in organisierter Weise leisten kann.“ (S. 77) Dann müsse es ein Mindestmaß an Richtlinien geben, an die man sich halten müsse: Religionsfreiheit, Schutz der Freiheit des Einzelnen vor Gruppenzwang, Rechte der Frauen etc. Und es müsste die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen innerhalb dieser Richtlinien kompromisslos verteidigt werden. (S. 78)

Zizek, Slavoy: Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror. Berlin: Ullstein, 2015. 95 S., € 8,- [D], 8,90 [D] ISBN 978-3-550-08144-6

 

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