Neue Lebensformen, Wahlmöglichkeiten & Beziehungsmuster

Der Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte greift immer stärker auch in den Bereich von Familie, Ehe und Elternschaft ein. Je mehr feste Vorgaben – verankert in Religion, Tradition, Biologie usw. – an Einfluß verlieren und je unabhängiger die Menschen im ökonomischen Sinne durch die Mehrung des materiellen Wohlstandes werden, desto vielfältiger werden die Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräume. Die traditionelle Familie verschwindet nicht, aber sie verliert – darin sind sich die meisten wohl einig – ihr Monopol.

Doch was folgt der Familie? Die viel beschworene Beziehungslosigkeit? Die „Single”-Gesellschaft? Isolierung und Vereinzelung? Mitnichten, so die Überzeugung von Elisabeth Beck-Gernsheim. Die Zukunft gehöre neuen Beziehungsmustern, die nicht auf Alleinleben zielen, sondern eher auf „Verbindungen anderer Art”. Es entstehe eine Vielfalt von Beziehungen, die sich nach Umfang, Verpflichtungscharakter und Dauer unterscheiden. Der Familie folgt also, so die Soziologin, „nichts anderes als die Familie”. Die Familie, wie Beck-Gernsheim meint, „anders, mehr, besser” – die „Verhandlungsfamilie, die „Wechselfamilie”, die „Fortsetzungsfamilie”, die aus Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung usw. entsteht (S. 18). Wir sähen daher nicht „wilden Verhältnissen” entgegen, sondern einer Gesellschaft, in der „man oder frau mit Beziehungsformen spielt, jongliert, experimentiert”, wenn auch nicht immer freiwillig.

Die Soziologin beschreibt wider alle „fundamentalistische Familienrhetorik” die Chancen wie die Herausforderungen dieser neuen, größeren Beweglichkeit. Mehr Abstimmungsleistungen seien gefragt, mehr Aushandeln, aber auch das Aushalten, daß im Lebenslauf „immer weniger ein für alle Mal fest” steht (S. 20).

Etwa die Hälfte des Bandes widmet  Beck-Gernsheim dieser „neuen Unübersichtlichkeit der Familie” in einer Gesellschaft, in der „Scheidung normal wird” und das Leben zu einem „Planungsprojekt”. Nicht weniger interessant sind jedoch ihre kritischen Ausführungen zur Ambivalenz der Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin (nach dem Motto: „Wir wollen ein Wunschkind”), die skizzierten Herausforderungen an Politik und Gesellschaft, angesichts der Veränderung des Geschlechterverhältnisses einen neuen Generationenvertrag zu finden (die Frau als „heimliche Ressource” habe nämlich ausgedient) sowie zu einem Thema, das zukünftig wohl noch mehr an Gewicht erhalten wird – die „multikulturelle Familie”. H. H.

Den Wandel der Familie etwas weniger optimistisch zeichnet der in zweiter aktualisierter Auflage erschienene Band
Hettlage, Robert: Familienreport. Eine Lebensform im Umbruch. München: Beck, 1998. 304 S.

Beck-Gernsheim, Elisabeth: Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen. München: Beck, 1998. 196 S., DM 17,80 / sFr 17,80 / öS 130,-

 

 

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