Menschenwürde und Biomedizin

Am 4. April 1997 wurde das „Menschenrechtseinkommen zur Bioethik und zu den Menschenrechten“ aufgrund heftiger Widerstände von Deutschland nicht unterzeichnet. Die Autorin ist wie diese Kritiker der Ansicht, dass in Erinnerung an die Rolle der Medizin zu Zeiten des Nationalsozialismus, derartige Zustände nie mehr auftreten dürfen. Dennoch teilt sie nicht in allen Punkten die Meinung der „Lebensschützer“. Braun vertritt vielmehr die Meinung, dass bereits die der Definition von „Leben“ scheitert, da Rechte klare und unbedingte Grenzen – auch in der Sprache – voraussetzen. Ziel des Buches ist es, „eine Argumentation aufzuzeigen, mit welcher dem Aufbau von Menschenrechten und Menschenwürde auf dem Feld der Medizin entgegengetreten werden kann, ohne dabei auf die Rede vom Schutz ‚des Lebens‘ zu verfallen“ (S. 11).

Einleitend bezieht sich Braun auf Foucaults Konzept der „Biomacht“, aber auch die Theorien vieler anderer Philosophen wie z. B. Kant und Singer werden von ihr abgehandelt. Im vierten Kapitel macht die Autorin deutlich, dass die „medizinische Entwicklung nicht das geringste daran ändern kann, dass die Geburt ein hinreichendes Kriterium für die Konstitution eines Menschenrechtssubjektes bildet und dass die normative Geltung universaler Menschenrechte durch faktische medizinisch-technische Entwicklungen nicht außer Kraft gesetzt werden kann“ (S. 16). Nach dem theoretischen folgt ein praktischer Teil, in dem untersucht wird, ob diejenigen Instrumente, die mit dem Anspruch auftreten, den Schutz der Menschenrechte im Bereich der Medizin und Biologie zu sichern und auszuweiten, diesem auch gerecht werden. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass gewisse Techniken und Praktiken eine Erweiterung des Menschenrechtskonzepts erfordern, da diese nämlich der Grundlage der Menschenrechte – der Menschenwürde – widersprechen. Darunter fallen Techniken bzw. Praktiken der „Prävention durch Selektion“, der „Menschenproduktion“ und solche der Bildung mensch-tierischer Hybride. Da die Kategorie der Menschenrechte bislang vor allem im Zusammenhang mit Lebenden Anwendung findet, gilt es nun auch die Möglichkeit des technischen Zugriff auf zukünftige Menschen außerhalb des Mutterleibes in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Insgesamt ein anspruchsvolles, über weite Strecken schwer verständliches Werk, das– trotz der gesamtgesellschaftlichen Brisanz der Fragestellung – vorrangig an BewohnerInnen des sprichwörtlichen Elfenbeinturms adressiert ist. A.-M. L.

Braun, Kathrin: Menschenwürde und Biomedizin. Zum philosophischen Diskurs der Bioethik. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2000. 309S., DM 68,- / sFr 64,- / öS 496,-

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