Menschenrechte und menschliche Entwicklung

Der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen ist zu danken, dass die aufrüttelnden „Berichte zur menschlichen Entwicklung“ seit 1994 auch in deutscher Sprache erscheinen. In klarer Analyse zeigt der jüngste Bericht erneut, dass wir – trotz einiger Fortschritte – vom Ziel eines würdigen Lebens für alle ErdenbürgerInnen noch weit entfernt sind. Täglich sterben noch immer an die 30.000 Kinder an vielfach vermeidbaren Ursachen. Nicht weniger als 100 Millionen Kinder leben und arbeiten auf der Strasse. Das soziale Gefälle ist laut UNDP enorm: die 200 weltweit reichsten Personen „verdienen“ jährlich eine Billion US-Dollar, das ist siebenmal mehr als das Gesamteinkommen der 582 Millionen Menschen in den 43 ärmsten Ländern der Welt.

Dass die Verwirklichung der Menschenrechte nur in enger Verbindung mit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung denkbar ist, ja, ein wesentlicher Bestandteil von Menschenrechten ist, machen die sechs Kapitel des Bandes deutlich. Es wird nicht nur über „abstrakte“ Grundrechte gesprochen, sondern auch über sehr „konkrete“ wie die „Freiheit von Not“, die „Freiheit für angemessene Arbeit ohne Ausbeutung“ oder die „Freiheit zur Verwirklichung des eigenen Potenzials“. Denn der Zugang zu grundlegender Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Beschäftigung sei – so die AutorInnen ‑ für die menschliche Entwicklung ebenso entscheidend wie politische und bürgerliche Rechte.

Die Gewährleistung politischer Freiheiten durch die Errichtung transparenter, verantwortlicher und effektiver Systeme von Institutionen und Gesetzen wiederum wird als Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum angesehen: „Nur wenn Menschen das Gefühl haben, dass es um ihre Interessen geht und ihre Stimme gehört wird, werden sie sich mit voller Überzeugung für Entwicklung einsetzen.“ Menschen, die über Rechte verfügen, seien somit auch bessere wirtschaftliche Akteure, so Mark Malloch Brown vom UNDP in der Einleitung.

In dem von einer internationalen ExpertInnengruppe erstellten Bericht werden Fortschritte und Defizite einzelner Staaten im Bereich der Menschenrechte, aber mehr noch strukturelle Ursachen für Missstände sowie Bedingungen für Veränderungen aufgezeigt: Etwa die Bedeutung internationaler Handels- und Umweltschutzabkommen, die Rolle der internationalen Finanzpolitik, die (einzufordernde) Verantwortung internationaler Konzerne (einschließlich der Ambivalenz von Sozialkodizes und -klauseln) oder die Rolle internationaler NGOs, die sich im letzten Jahrzehnt auf 40.000 fast verdoppelt haben.

Auch wenn Wirtschaftswachstum per se noch keine soziale Entwicklung bedeuten muss, wie an Beispielen aufgezeigt wird (so weist Südvietnam etwa das gleiche Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt wie der afrikanische Staat Guinea auf, aber eine um ein Drittel höhere Lebenserwartung sowie eine doppelte Alphabetisierungsrate), wird in der wirtschaftlichen Entwicklung der Schlüssel auch für soziale Verbesserungen gesehen. Nicht allein ausschlaggebend, aber dennoch signifikant ist dabei die Frage, was Staaten für Auslandsinvestitionen interessant macht. Denn diese boomen zwar weiterhin, sind aber auf die reichen Ländern selbst sowie auf die Wachstumsökonomien der Schwellenländer konzentriert. Von den  600 Milliarden Dollar Gesamtauslandsinvestitionen des Jahres 1998 gingen lediglich knapp 0,4 % an die 48 ärmsten Länder. So wie sich Rechte auf Gesundheit oder Arbeit mit ausreichender Entlohnung schwer gesetzlich festschreiben lassen, ist auch wirtschaftliche Entwicklung auf das Zusammenwirken mehrerer  Faktoren (politische Stabilität, Bildungsniveau, Nachfragemärkte, u.a.m.) angewiesen. Der Bericht spart hier auch nicht mit Kritik an Defiziten in den Dritte-Welt-Ländern selbst (falsche Verteilungsprioritäten, Klientelismus, zu geringe Achtung auf Basisleistungen).

Aufschlussreich sind die vom UNDP entwickelten und im zweiten Teil des Bandes für alle Staaten ausgewiesenen Wohlstandsindikatoren, die über das Bruttosozialprodukt hinaus auch Kriterien wie Bildungsrate und Lebenserwartung (Human Development Index), Armutsgefährdung (Human Poverty Index) oder die Partizipation der Frauen (Gender Empowerment Measure) berücksichtigen. Der umfangreiche statistische Anhang informiert zudem über ökonomische und ökologische Eckdaten wie Handelsströme, Energieverbrauch, Wasserressourcen usw. sowie über soziale Indikatoren von der Ernährungs- über die Flüchtlingssituation bis hin zur Kriminalitäts- und Selbstmordrate in den Staaten der Welt. H. H.

Menschenrechte und menschliche Entwicklung. Bericht über die menschliche Entwicklung 2000. Veröffentlicht für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Bonn: UNO-Verl., 2000. 331 S., DM 18,- / sFr 17,- / öS131,-

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