Marktwirtschaft für Menschen

Von der „Runderneuerung der sozialen Marktwirtschaft“ hin zu einer „Marktwirtschaft für Menschen“ (S. 6) spricht Julius Schmalz, Präsident der Wirtschaftskammer Salzburg, in einem Band gleichnamigen Titels, der auf eine Tagung an der FH Salzburg im Jahr 2010 zurückgeht und unterschiedliche Aspekte einer „humanen Wirtschaft“ anspricht.

Helmut Kramer, langjähriger Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung thematisiert gleich zu Beginn das „globale Marktversagen“ hinsichtlich Nachhaltigkeit, etwa in Bezug auf die Nahrungsmittel- und Wasserversorgung in Hungergebieten, die weltweite Friedens- und Abrüstungspolitik oder die Klimapolitik, der sich der Autor in der Folge näher widmet. Kramers Befund: „Derzeit können Treibhausgase emittiert werden, zu so geringen Kosten, dass ein Umstieg auf andere Technologien oder Energieträger oder Verhaltensweisen wirtschaftlich nicht sinnvoll erscheint.“ (S. 28) Vier Schritte nennt der Experte, um diesen Missstand zu beenden: 1. Einsicht in die Zusammenhänge des vom Menschen verursachten Klimawandels und deren Außerstreitstellung. 2. Verhinderung des Trittbrett-Fahrens durch die Einsicht, „dass sich Mitmenschen in vergleichbarer Situation den gleichen Veränderungen  unterziehen, damit man nicht allein die Anstrengung der Umstellung zu tragen hat oder gar zum Spott der Umgebung wird“ (S. 32). 3. Die „Entwicklung eines Gefühls der Solidarität mit den vom Klimawandel negativ Betroffenen“ (ebd.), was mit einem neuen Gerechtigkeitsempfinden zu tun habe. 4. Implementierung ökonomischer Mechanismen: „Umweltnutzung muss einen die Kosten deckenden Preis haben, auch wenn sie einen solchen bisher nicht hatte.“ (S. 33) Mit Letzterem spricht der Wirtschaftswissenschaftler wohl den entscheidenden Punkt an, der auch eine Abschätzung potenzieller zukünftiger Kosten eines Nicht-Gegensteuerns erfordert (siehe Stern-Bericht).

Einen allgemeinen Appell an eine „Kultivierung der Märkte“, die angesichts der Finanzkrise besonders virulent geworden sei, steuert in der Folge Georg Adam Stahremberg, Leiter einer gemeinnützigen Stiftung, bei: Ein Markt funktioniere nur solange, wie „der Austausch von Gütern einigermaßen gerecht ist“ (S. 42). Die Entwicklung von der „Überflussgesellschaft zur Überdrussgesellschaft“ (S. 43) habe nun spürbare Mängel zutage gebracht, es gelte daher, „unsere Intelligenzressourcen zu mobilisieren, um sparsam und weitblickend, also wiederum nachhaltig zu agieren“ (ebd.). In ähnlicher Weise argumentiert der Theologe und Mitherausgeber Clemens Sedmak, der das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg 1968 mit dem Verhalten der „Wallstreet“-Banker vergleicht: beides habe mit einem fehlenden moralischen Bezugsrahmen, dem Verlust eines Sinnes von Normalität sowie mit Konformität und Gruppendruck zu tun: „Man kann nicht aus dem Spiel, das alle spielen, aussteigen und allein ein neues Spiel beginnen“ (S. 47) Sedmak führt in der Folge die „Konturen einer ignatianischen Führungsethik“ aus und überträgt diese auf das Versagen in der Finanzwelt. Dieses ist auch nochmals Thema des nächsten Beitrags von Manfred Holztrattner, der langjährig im Bankwesen in führender Position tätig war. Wirtschaften ohne ethisch fundierte Bezugspunkte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit oder Verantwortungsbewusstsein könne „zwar vorübergehend ertragreich“ sein, die geschichtliche Erfahrung zeige aber, dass „diese Wege auf Dauer in die Irre gehen, da ein geordnetes gesellschaftliches Zusammenleben auf un- oder amoralischer Basis nicht möglich ist“, so Holztrattner (S. 77).

Weitere Beiträge widmen sich in der Folge konkreten Aspekten ethischen Wirtschaftens. Markus Schlagnitweit von der Katholischen Sozialakademie Österreich informiert über die Möglichkeiten ethischer Geldanlage – in einer entwickelten, arbeitsteiligen Volkswirtschaft stelle sich, so die Überzeugung des Experten, nicht die Frage „Geldanlage – ja oder nein?“, sondern nur jene „Geldanlage – wie?“, also: „Für welche Zwecke, zu welchen Bedingungen, mit welchen Methoden und Zielen wird Geld veranlagt bzw. zur Verfügung gestellt.“ (S. 88f.) Schlagnitweit stellt unterschiedliche Anlageformen dar, Zertifikate und Hedgefonds schließt er als ethisch unvertretbar aus, umso mehr hält er von Mikrokrediten, die etwa bei der ökumenischen Entwicklungsbank „Oikokredit“ als Genossenschaftsanteile gezeichnet werden können.

Der Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Ungericht und die Therapeutin Martina Wieser stellen die Chancen sowie die Missbrauchsgefahren des „Resilienzansatzes“ vor, der die psychologischen und organisationalen Bedingungen von „Widerstandsfähigkeit“ (in Unternehmen) erforscht bzw. trainiert – ein Aspekt, der angesichts von sich mehrenden Krisenphänomen an Bedeutung gewinnt. Während ein „instrumentalistischer Ansatz“ darauf ziele, aus MitarbeiterInnen noch mehr Leistung herauszupressen (der Aufsatz bringt hierfür plastische Beispiele), gehe es einem „konvivialen Zugang“ zu Resilienz, so die beiden, um zweierlei: „Kranke Organisationen so zu verändern, dass sie nicht mehr krankmachen“ und „konkreten Einzelpersonen zu helfen, in krankmachenden Strukturen einigermaßen gesund zu bleiben bzw. eine gesunde Distanz einzunehmen.“ (S. 115)

Thomas Walkner und Bettina Lorentschitsch geben Einblick in die Genese des Konzepts „Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung“ (CSR), welches für die beiden eng mit den Begriffen „ökosoziale Marktwirtschaft“ und „Nachhaltigkeit“ verbunden ist. Besonders aufschlussreich sind die referierten Ergebnisse eines Projekts, in dem mit über 100 Klein- und Mittelbetrieben die Chancen und der Nutzen von CSR ermittelt wurden. Neben ökologischen Effizienz- potenzialen wurden dabei auch soziale Zukunftsperspektiven erschlossen, die von einer verbesserten internen Kommunikation im Betrieb bis hin zu strukturierten Stakeholder-Dialogen reichten. Rein betriebswirtschaftliche Herangehensweisen würden zwar ebenso positive Effekte zeigen, doch erst die Kombination mit der „wertschätzenden Einbindung der Menschen“ (S. 147) führe zu ganzheitlichen Veränderungsprozessen in Unternehmen, die Nutzen für die Organisation, die Gesellschaft und Umwelt stiften, so die hier referierte Überzeugung. Hans Holzinger

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Marktwirtschaft für Menschen. Hrsg. v. Clemens Sedmak … Wien (U.a.): LIT-Verl., 2011. 219 S. , € 20,50 ; ISBN 978-3-643-50289-6

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