Langsames Wachstum als Ziel

James Galbraith schreib über wirtschaftliches WachstumWachstum neu denken

Auch James K. Galbraith hinterfragt den Glauben an weitere hohe Wachstumsraten. Der renommierte US-amerikanische Ökonom sieht in der jüngsten Finanz- und Schuldenkrise keinen Ausrutscher, sondern verortet diese systemisch in einem größeren zeitlichen Horizont. Die Wachstumsjahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg seien durch billige Rohstoffe, allem voran billigem Erdöl, befeuert worden, so die zentrale These des Ökonomen (worauf übrigens bereits dessen Vater, John Kenneth Galbraith in „Gesellschaft im Überfluss“ hingewiesen hat). Die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften hätten sich daran gewöhnt, physische Begrenzungen in ihren Wachstumsmodellen zu ignorieren, was sich nun räche. Galbraith geht davon aus, dass die derzeit niedrigen Rohstoffpreise nur ein vorübergehendes Phänomen darstellen (ebenso wie der derzeitige Schiefergas-Boom in den USA). Als weitere Ursachen für die aktuellen Wirtschaftskrisen nennt der an der University of Texas in Austin lehrende Ökonom die rasch gestiegenen Defensivkosten – er nennt allem voran die wachsenden Ausgaben für Militär, die angesichts der sich verändernden wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse in der Welt völlig dysfunktional geworden seien, sowie den krisenanfälligen und überdimensionierten Bankensektor. Dazu komme die digitale Revolution, die Gewinne auf Kosten einer wachsenden Zahl von Arbeitslosen lukriere.

Wo sieht Galbraith Auswege?

Wirtschaftsschrumpfung hält er für gefährlich, weil dies eine Abwärtsspirale in Gang setzen würde: Unternehmen hören auf zu investieren, Arbeitsplätze gehen verloren, die Steuereinahmen sinken usw. Galbraith plädiert daher für ein langsames, aber stabiles Wachstum: „Es soll mehr als Null betragen, aber unter dem Wert liegen, der einst unter den Vorzeichen von billiger Energie und Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel möglich war.“ (S. 265) Materiell und psychologisch sollten wir uns auf diesen Zustand einstellen: „Wenn die Rohstoffe teurer werden, können wir uns nicht mehr alles leisten.“ (ebd.) Der Ökonom plädiert insbesondere für eine andere Wirtschaftspolitik:  Kosten für Militär und einen überdimensionierten Finanzsektor sollten zurückgefahren, die Lebensbedingungen der Menschen durch „robuste Sozialsysteme“, Mindestlöhne und leistbares Wohnen gesichert werden. Erwerbsarbeit weniger zu besteuern (Galbraith plädiert stattdessen wie Randers und Maxton für die Erhöhung der Erbschafts- und Schenkungssteuern) und die schrumpfende Erwerbsarbeit besser zu verteilen, soll Arbeitslosigkeit abbauen und den Arbeitsmarkt effizienter machen. Neben Arbeitszeitverkürzungen gehe es auch darum, dass die „richtigen Menschen“ arbeiten.

Resümee: Ein spannendes Buch mit verständlichen Darlegungen der wirtschaftlichen Entwicklung seit den 1950er-Jahren und sehr pragmatischen Lösungsvorschlägen, die soziale und ökologische Belange in den Mittelpunkt stellen. Auch hier wird spannend sein, ob der neue US-Präsident Trump, der im Wahlkampf ja Vollbeschäftigung versprochen hat, Anleihen nehmen wird.

Bei Amazon kaufenGalbraith, James K.: Wachstum neu denken. Was die Wirtschaft aus den Krisen lernen muss. Zürich: Rotpunktverl., 2016. 304 S., € 32,- [D], 33,10 [A] ISBN 978-3-85869-691-5

 

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