Kultur und Globalisierung

Im Namen des Erhalts von kultureller Vielfalt plädieren Staaten und internationale Institutionen dafür, Kultur einen „Sonderstatus“ jenseits der Warenförmigkeit und Marktlogik zu sichern. Ein im Oktober 2005 beschlossenes „Übereinkommen zur kulturellen Vielfalt“ der UNESCO weist in diese Richtung. Erhalt des regional Spezifischen versus Entwicklung einer weltweiten Zivil- oder auch Marktgesellschaft gilt als Gegensatzpaar in der Debatte über Globalisierung. In der Verknüpfung von Lokalem und Globalen („Glokalisierung“) wird von manchen die Synthese beider versucht.

Der an der Universität Paris lehrende Kommunikationswissenschaftler Armand Mattelmart zeigt, dass es beide Pole bereits lange vor der Globalisierung heutigen Ausmaßes gegeben hat. Ernüchternd und zugleich als warnendes Lehrstück über die Verkennung von realen Machtverhältnissen lesen sich die universalistischen Visionen über einen Völker verbindenden Internationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Bestrebungen, die durch das „reale Kräftemessen der Großmächte untereinander und mit dem Rest der Welt“ (S. 25) konterkariert wurden und – wie wir wissen – in den 1. Weltkrieg geführt haben. Die Ängste vor kultureller Hegemonie bzw. Überfremdung sind ebenfalls alt. Debatten über „langsame“ und „schnelle“ Medien, die erhoffte bzw. beargwöhnte Durchsetzung einer Weltsprache, die generelle Kritik am Aufkommen der „Kulturindustrie“ (etwa bei Adorno/Horkheimer) oder die Etablierung einer europäischen Filmpolitik als Gegenpol zu Hollywood seit den 1950er-Jahren gelten als Belege dafür. Auch frühe Bestrebungen in Lateinamerika, Afrika oder Asien gegen „Amerikanisierung“ und „Europäisierung“ werden vom Autor beschrieben.

Im zweiten Teil des Buches zeichnet Mattelart aktuelle Initiativen und Bestrebungen hinsichtlich kultureller Vielfalt seitens der UNESCO, aber auch der EU nach. Eine weitere Vermarktlichung der Kultur etwa durch WTO-Regelungen, den Paradigmenwechsel von Kultur hin zu Kommunikation und Information (im Schatten der Wissensgesellschaft) sowie jenen vom Bürger hin zum Konsumenten macht er dabei als problematische Trends aus. Der Autor fordert weiterhin nationale Kulturpolitiken, er warnt vor einer totalen Privatisierung und Deregulierung des Kultursektors ebenso wie vor einem oberflächlichen Reden über kulturelle Vielfalt, das dazu verleite, „Probleme, die man nicht politisch angehen will, als kulturell bedingte Probleme zu behandeln“ (S. 151). Das Buch bietet einen informativen (historischen) Abriss über das Verhältnis von Kultur, Wissen, Kommerz(ialisierung) und Politik. H. H.

Mattelmart, Armand: Kultur und Globalisierung. Marktmacht gegen Vielfalt. Zürich: Rotpunktverlag, 2006. 161 S. € 19,50 [D], € 20,90 [A], sFr 32,- ISBN-13 987-3-85869-328-0

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