Kollaps

Als die ersten Polynesier vermutlich um 900 n. Chr. die Osterinsel besiedelten, fanden sie ein karges, aber fruchtbares und zudem waldreiches Ökosystem vor. Kaum 800 Jahre später waren von den bis zu 15.000 Bewohnern so gut wie keine mehr am Leben oder hatten an den von den europäischen „Entdeckern“ importierten Seuchen zu leiden (und zu sterben).

Was sind, so die ungemein spannende und kenntnisreich beantwortete Frage von Jared Diamond, die Gründe für den Niedergang komplexer Gesellschaften? Und (was) können wir mit Blick auf die Geschichte lernen?

Diamond, Professor für Geografie an der Universität von Los Angeles, zudem Anthropologe, Genetiker, Physiologe und – gewissermaßen nebenbei – ein Generalist der nicht weniger als 12 Sprachen spricht, versteht es, die Vorzüge analytischer Klarheit mit einer packend authentischen Darstellung seiner Anliegen zu verbinden. Der Autor erweist sich in diesem mehr als 700 Seiten starken Buch, das dennoch fast so spannend wie ein (Öko-)Krimi zu lesen ist, zum einen als detektivischer Analyst gesellschaftlicher Zusammenbrüche: Ob auf den Spuren der Wikinger in Grönland, der Anasazi-Indianer im Süden der USA oder der Maya in Mittelamerika: Überall, so Diamonds zentrale These, sind es fünf Faktoren, die zum Kollaps komplexer Gesellschaften führ(t)en: „Umweltschäden, Klimaänderungen, feindliche Nachbarn und freundliche Handelspartner können sich in einer bestimmten Gesellschaft als bedeutsam erweisen oder auch nicht. Der fünfte Faktor, die Reaktion der Gesellschaft auf ihre Umweltprobleme, ist immer von Bedeutung.“ (S. 25) Für den Niedergang der Hochkultur auf der Osterinsel war im Übrigen die Errichtung von mehr als 800 bis zu 25 m hohen und 270 Tonnen schweren Steinstatuen „verantwortlich“, mit denen die Führer der Clans ihre Ahnen positiv zu stimmen und die Vormachtstellung gegenüber der Konkurrenz zu beweisen suchten. Vor allem der exzessive Verbrauch von Holz, das für den Transport der Skulpturen benötigt wurde, hatte den Untergang zur Folge.

Droht dem Planet das Schicksal der Osterinsel? Nicht unbedingt, denn es gibt – wie Diamond mit dem Blick auf die Vergangenheit zeigt, auch Gesellschaften, die unter schwierigen klimatischen und geografischen Bedingungen zu bestehen vermochten: die Überlebensstrategie der (traditionellen) Inuit, die Geschichte Islands oder die Entwicklung auf der Insel Tikopia, wo vorausschauende Politik das Überleben sicherte, seinen beispielhaft genannt.

Dass es heute hingegen eine ganze Reihe von Regionen und Gesellschaften gibt, die vor großen Krisen mit weit reichenden Folgen stehen, zeigt Diamond sehr überzeugend anhand der aktuellen Entwicklung in China, den Folgen der industriellen Landwirtschaft in Australien oder dem Genozid in Ruanda. China, das aktuell ein Wirtschaftswachstum von jährlich fast 10 Prozent erreicht, gleiche, so Diamond, einem „torkelnden Riesen“, dessen Fall die ganze Welt mit treffen würde. Nur wenn die chinesische Führung entschlossen reagiert, indem sie dem Umweltschutz die gleiche Bedeutung wie der Geburtenkontrolle einräumt, sei der Kollaps zu verhindern.

Bei „realistischer Sichtweise“ sei zwar kein „Weltuntergang“, sehr wohl aber eine „Zukunft mit erheblich geringerem Lebensstandard, einer größeren ständigen Gefährdung und dem Verfall dessen zu erwarten, was wir heute für unsere zentralen Werte halten“ (S. 20). Grund für diese skeptische Sicht sind zum einen die vielfältigen und komplexen Umweltrisiken (vgl. dazu S. 19f. und S. 600 – 612); Noch mehr ins Gewicht falle jedoch, dass Probleme vielfach nicht vorhergesehen, nicht wahrgenommen oder „rational“ als Ausdruck unterschiedlicher Interessenkonflikte zwar erkannt, aber nicht gelöst, sondern verdrängt würden, meint Diamond.

Und dennoch: Trotz dieser nüchternen Bilanz sieht der der Publitzer-Preisträger „vorsichtig optimistisch“ in die Zukunft (S. 643) und nennt dafür einige plausible Argumente: Wir leiden bisher nicht unter unlösbaren Problemen, erleben, dass sich ökologisches Denken mehr und mehr durchsetzt, können couragierte, weitsichtige Entscheidungen treffen, indem wir etwa unsere Wertvorstellungen ändern, und haben nicht zuletzt auf Grund der globalen Informationsgesellschaft „die Möglichkeit, von den Fehlern an weit entfernten Orten und in weit entfernter Vergangenheit zu lernen. Diese Möglichkeit hatte keine frühere Gesellschaft auch nur annähernd in gleichem Maß“ (S. 648). Ein aufschlussreiches, mutiges Buch, das trotz begründeter Skepsis auch Hoffnung vermittelt. W. Sp

Diamond, Jared: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2005. 704 S., € 22,90 [D], 23,60 [A], sFr 40,10

ISBN 3-10-013904-6

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