Klimaeffekte

Philipp Blom KilmaeffekteWie verändert sich unser Leben, wenn sich das Klima verändert? In seinem Buch „Die Welt aus den Angeln“ schildert Philipp Blom kenntnisreich, wie sich Europa unter dem Druck einer „kleinen Eiszeit“ in den Jahren 1570 bis 1700 veränderte. Die durchschnittliche Temperatur sank damals um zwei Grad und  kehrte die Strömungen der Ozeane um, störte klimatische Kreisläufe und verursachte extreme Wetterereignisse. Frost im Winter und Dürre im Sommer führen auf der ganzen Welt zu Hunger und Not.

Blom bleibt aber nicht bei den direkten Auswirkungen des Klimawandels stehen. Er zeigt, wie die Menschen und ganze Gesellschaften darauf reagierten, sich neue Wege bahnten. Dabei ging es genauso um die Organisation des privaten Lebens wie um ein neues Denken, das den neuen Herausforderungen gerecht wurde.

Der Klimawandel traf auch die mittelalterliche Form des Wirtschaftens ins Mark. „Das soziale und wirtschaftliche System des feudalen Europa basierte ganz auf Landbesitz und lokaler Getreideproduktion. Dies war der zentrale, verwundbare Punkt. Als die Temperaturen weit genug abgesunken waren, um die Getreideproduktion oft und empfindlich zu stören, geriet die wirtschaftliche Grundlage und mit ihr die gesamte Ordnung Europas ins Wanken. Die Europäer waren gezwungen, Alternativen zu einer Lebensweise zu finden, die sich seit mehr als einem Jahrtausend kaum verändert hatte.“ (S. 98) Blom beschreibt dann, wie dieser Druck neue Formen des Handels, unter anderem mit Amerika,  und der Produktion hervorbrachten. Auch in der Landwirtschaft kam es zur Einführung neuer Techniken. Schließlich war eine neue Form des Denkens gefragt, die großen Fragen wurden nicht mehr theologisch beantwortet, die Aufklärung mit dem Imperativ der Vernunft brach sich ihren Weg.

„Wir können die adaptive Leistung bewundern, die europäische Gesellschaften auf evolutionäre Art, also ungeplant und ohne vorher definiertes Ziel vollbrachten: Sie schufen eine neue ökonomische Ordnung, den frühen Kapitalismus; eine bürgerliche Mittelschicht begann sich durchzusetzen; die kulturellen Ausdrücke des eigenen Lebensgefühls änderten sich; zusammen mit einer Öffentlichkeit wurden neue Denkmöglichkeiten geschaffen und verbreitet. Aus einer spätfeudalen Zeit entstanden in wenigen Jahrzehnten zumindest für urbane Europäer das Leben und Denken der frühen Moderne.“ (S. 236)

Blom fragt die Epoche auch darauf ab, was sie uns zu unserem aktuellen, menschgemachten Klimawandel zu sagen hat. Wir seien die erste Generation der Menschheitsgeschichte, die eine relativ klare Konzeption davon hat, was ihr Erbe an die Zukunft sein wird: Wir wissen um den bevorstehenden Klimawandel, seinen Ursprung, und wissen, dass wir seine potentiell katastrophalen Auswirkungen zumindest mindern können. Doch die Parallele zur „kleinen Eiszeit“ ist ernüchternd: „Wir reagieren auf den Klimawandel kaum effizienter als unsere Vorfahren, die ihn nicht verstanden: chaotisch, improvisierend, getrieben von immer häufigeren katastrophalen Ereignissen und immer kontrolliert von dem absoluten Nahziel, dass unsere Wirtschaft wachsen muss, dass unser eigener Wohlstand erhalten bleiben muss.“ (S.  245) Wir seien uns dabei kaum bewusst, dass wir uns wie alle Organismen an die neue Umgebung anpassen müssen, und dass wir vor Transformationen stehen, die alle Bereiche unseres Denkens und Lebens betreffen werden. Unser Vorteil: Wir könnten diesen Wandel planend angehen. Stefan Wally

Blom, Philipp: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. München: Hanser, 2017. 302 S., € 24,00 [D], 24,70 [A]  ISBN 978-3-446-25458-9

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