Kartenhaus Weltfinanzsystem

Die Möglichkeit, virtuelles, also nicht durch Realwerte gedecktes Geld zu schaffen und zu vermehren – durch Zins oder Spekulation –, wird von vielen für die wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus verantwortlich gemacht. Die Ökonomen Wolfgang Eichhorn und Dirk Solte sprechen in ihrem Band „Das Kartenhaus Weltfinanzsystem“ von „Schwellgeld“, also einem „Geldversprechen für die Zukunft“, welches das kapitalistische Wirtschaftssystem immer wieder destabilisiere (S. 99). Die Ursachen für die große Wirtschafskrise 1929 sehen die Autoren im zu Ende Gehen des Wirtschaftsbooms der 1920er-Jahre sowie der folgenden Aufblähung der Geldmenge durch Kredit finanzierte Wertpapiere, denen keine Realwerte mehr gegenüber standen (S. 89).  Die Parallele zur aktuellen Finanzkrise ist offenkundig. In ihrer Analyse stellen die Ökonomen ernüchternd fest, dass Finanzkrisen zur Normalität des Kapitalismus gehörten und bisher keine entsprechenden Marktregeln zu ihrer Unterbindung gesetzt worden seien: „Die von Finanzkrisen verschonten Zeiten sind die Ausnahme, und die Zeiten mit Finanzkrisen sind die Regel.“ (S. 88).

Einen wesentlichen Grund für diese Krisenanfälligkeit des Kapitalismus sehen Eichhorn und Solte in der Akkumulationsdynamik, der eine Verschuldungsdynamik entspreche. So mache der Schuldendienst in den USA mittlerweile über 30 Prozent der öffentlichen Einnahmen aus. In den letzten vierzig Jahren sei das Finanz- und Sachvermögen global im Trend schneller gewachsen als die Wertschöpfung. Dies habe dazu geführt, dass ein „immer größerer Teil der Wertschöpfung zur Bedienung von Zinsen und Renditen erforderlich wird. Im Jahr 2007 war der entsprechende Anteil [global, Anm. H.H.] bereits 40 Prozent, davon betraf etwa die Hälfte die Zinszahlungen, die für gewährte Kredite zu leisten waren.“ (S. 190)

Ausgehend von der Tatsache, dass Gläubigern immer Schuldner gegenüberstehen („Da jede Verbindlichkeit eine Vermögenskomponente eines anderen ist, stehen allen Verbindlichkeiten, also Schulden, irgendwo die entsprechenden Ansprüche gegenüber.“ S. 80), fordern Eichhorn und Solte eine bessere Steuerung der Geldmenge. Die Zentralbankgeldmenge sollte mengenmäßig so begrenzt werden, „dass die Wirtschaft ressourcenverträglich wachsen kann“ (S. 221). Ein ungebremstes Wachstum mit Überschreiten einer maximal zulässigen Ressourcennutzung solle verhindert werden. Überdies soll das Schwellgeld, also Geldschöpfung durch Kredite, besser gesteuert werden. Große Wirtschaftsakteure würden Kredite viel billiger erhalten als kleinere Akteure, was beispielsweise großen Konzernen gegenüber kleineren Unternehmen Vorteile verschaffe. Diese könnten „leistungsfähige mittelständische Unternehmen vergleichsweise billig aufkaufen und zu Großkonzernen zusammenfügen, auch wenn sie das notwendige Kapital nicht besitzen. Der Kauf erfolgt kreditbasiert.“ (S. 221) Um dem entgegenzuwirken und wirkungsvoll die Schwellgeldmenge in den Griff zu bekommen, biete sich eine „Schwellgeldsteuer“ an, „das heißt eine Abgabe auf Hebelgeld, auf jegliche Form von Krediten“ (ebd.). Jene, die am Finanzmarkt niedrigere Zinsen bekämen, sollten mehr besteuert werden als jene, die höhere Zinsen zahlen. Eine Schwellgeldsteuer von einem Prozent würde weltweit „ein Finanzvolumen von jährlich 2000 Mrd. US-Dollar erschließen“ (S. 222). Ergänzt um eine Harmonisierung von Steuerbemessungsgrundlagen sowie einer Einhegung von Steueroasen würden jährlich Erträge von 3-4000 Mrd. US-Dollar lukriert, die die Autoren für einen neuen „Global Deal“, ein Programm „Wohlstand für alle“, sowie für die Reduzierung der weltweiten öffentlichen Schuldenberge verwendet sehen wollen (ebd.).

Kurzfristig müsste – so Eichhorn/Solte – auch auf die derzeitige Liquiditätsengpass-Situation reagiert werden. Vorgeschlagen wird die Begrenzung der Liquiditätsreservehaltung der Finanzmarktakteure durch die Vorgabe einer „Maximalreserve“: „Überschüssiges Zentralbankgeld würde dann über einen Liquiditätsumlaufsicherungsfond verfügbar gemacht.“ (ebd. 218).

Der in der Reihe des „Forums für Verantwortung“ erschienene Band erklärt die Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Finanzsystems auf sehr verständliche Weise. Wertvoll ist in dieser Hinsicht auch das ausführliche Glossar im Anhang, das Fachbegriffe auch für Laien nachvollziehbar beschreibt. Hans Holzinger                    

Solte, Dirk; Eichhorn, Wolfgang: Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Rückblick, Analyse, Ausblick. Frankfurt/M.: Fischer, 2009. 267 S., € 9,95 [D], 10,30 [A], sFr 17,40;

ISBN 978-3-596-18503-0

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