Kapitalismus als Religion

Wir bleiben noch bei der Krise des globalen Finanzsystems der Jahre 2008/09 und der sich damals manifestierenden Probleme, die uns ja bis heute beschäftigen.

Ein Tagungsband stellt sich dem Diskurs über die Krisen interdisziplinär und hat die auf Walter Benjamin zurückgehende These vom Kapitalismus als Religion bereits in Teil I „Kapitalismus – eine Religion in der Krise. Grundprobleme von Risiko, Vertrauen, Schuld.“ (Nomos, 2013) wiederbelebt. Die Besonderheit ist, dass daran AutorInnen aus Kultur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sowie Theologie beteiligt sind.

Die Beiträge spüren dem Zusammenhang der Begriffe Risiko, Vertrauen und Schuld ebenso nach wie den Bezügen zwischen Wirtschaft und Religion. Im ersten Teil geht es um die Gründe und Implikationen der Entwicklung der Finanzmärkte. Eine interessante These stellt etwa die Soziologin Elena Esposito auf, wenn sie die Finanzkrise als eine „Krise der Zukunft“ darstellt, da keine Handlungsspielräume mehr zur Verfügung stehen, was wiederum zu einem Planungs- und Kontrollverlust und zu einer Lähmung der Märkte führe. Der Finanzwissenschaftler Marc Chesney weist auf den Widerspruch zwischen der Logik des Finanzsektors und den Prinzipien des Liberalismus hin. Die Verfolgung individueller Interessen im Finanzsektor schade dem Gemeinwohl, gleichzeitig werden die Risiken erhöht und dem Kollektiv aufgelastet (vgl. S. 33). Daher fordert er eine stärkere Regulierung des Finanzsektors.

Im zweiten Abschnitt werden die religiösen Implikationen des Finanzkapitalismus und die Verflechtung von Wirtschaft und Religion thematisiert. Der Ökonom Birger P. Priddat fokussiert in seinem Beitrag auf die „abendländische Transformation“ der Semantik von „Schuld und Schulden“, ein Begriffspaar, das für ihn die Verschränkung von christlichen Vorstellungsgehalten und ökonomischer Praxis repräsentiert. In „Glauben und Wirtschaft“ schreibt der Volkswirtschaftler Hans Christoph Binswanger über die „Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“, die auf die Selbstregulierungskraft der Märkte vertraue. Schließlich beleuchtet der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch mit Blick auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium noch einen anderen Aspekt. Es ergebe sich ein Bild des Christentums, „das dessen innere Affinität zur Ökonomie sehr viel stärker zur Geltung bringe, als dies dessen Anhängern üblicherweise deutlich sei“ (S. 42). Es lasse sich nämlich darin eine durchaus theologisch-affirmative Haltung zu Geld und Kreditwesen ableiten, die auch dazu geeignet sei, tätige Nähe zwischen ursprünglich Fremden zu vermitteln. Alfred Auer

 Kapitalismus – eine Religion in der Krise II. Aspekte von Risiko, Vertrauen, Schuld. Hrsg. v. Georg Pfleiderer … Zürich: Nomos, 2015. 218 S., € 29,- [D], 29,90 [A] ; ISBN 978-3-8487-0698-3

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