Was ist europäisch?

Ein Europa der Vielfalt, der kulturellen Mehrsprach- und Mehrstimmigkeit, das auch eigene Glaubensbekenntnisse hinterfragt; ein Europa, das Eigen-Sinn ermöglicht jenseits der „ein-sinnigen Sprache des Fortschritts“, das Konflikte als Lebensrealität annimmt, nicht zuletzt ein Europa, dass sich selbst humoristisch sieht als „zuverlässige Verkleinerungsform jeden Größenwahns“ – so einige der Empfehlungen des Schriftstellers Adolf Muschg an ein zukünftiges Europa. Nahe liegend ist da auch seine Überzeugung: „Europa wird ein kulturelles Projekt, oder es wird sich politisch nicht halten lassen.“ (S. 32) Ohne in Pathos zu verfallen („Europa braucht keinen Mythos seiner selbst, aber eine gute Erzählung seiner Geschichte“ (S. 33), gehe es darum, jenseits der „Selbstvergessenheit einer Amüsierkultur“ oder eines neuen „Fundamentalismus, der über Leichen geht“, Werte zu erhalten bzw. wieder zu finden, die sich in Offenheit, Solidarität, Gemeinsinn äußern. Muschg stellt die „Agora“, in der öffentliche Angelegenheit besprochen werden, gegen die „Banausia“ des Marktes und plädiert für die Besetzung „zwar von Waren verstopfter, aber von Sinn und Wert geleerter Räume durch eine verantwortungsvolle und rechenschaftsfähige Politik.“ Diese erfordere daher weiterhin den Föderalismus der Nahräume, aus denen ein kulturelles Europa wachsen könne.

Ein Europa-Gefühl, das sich nicht (mehr) aus der Bedrohung durch andere nährt (etwa Russland, China oder dem Terrorismus), könne – so Muschg – nur aus  gesellschaftlicher Zugehörigkeit und sozialer Sicherheit entwickeln. Wenn Rücksichtslosigkeit zur Maxime erhoben, eine „gewisse Ausfallquote der Menschheit als Sachzwang“ hingenommen wird und sich der Sozialstaat auch in Europa in einem „atemberaubenden Sturzflug“ befindet, lasse sich kein unvoreingenommenes Wir-Gefühl aufbauen.

Muschg weicht auch der Frage der Grenzen Europas nicht aus, sowohl der geografischen wie der politischen. Er plädiert für die Wiederbelebung der kulturellen Verbindungen zu Russland sowie für die Offenheit gegenüber dem Orient – einen Beitritt der Türkei zur EU lehnt er aber ab, nicht aus kulturellen Gründen, sondern wegen der „Grenze des Fassungsvermögens der Union“ (S. 77). Das „Bürgerrecht für Nichteuropäer in Europa“ müsse erkämpft werden wie jenes der Schwarzen oder Latinos in den USA, ohne „regulierte Einwanderung“ würde sich aber die EU selbst ruinieren. Damit Europa als „Vorgriff auf eine planetarische Friedensordnung“ kein Selbstzweck bleibe, muss es – so der Autor dialektisch – ein „Selbstzweck sein und bleiben dürfen“. Es wäre daher ein „noch nie da gewesenes Wunder der Geschichte“, wenn der Bündnisrahmen einstweilen seinen schlichten Zweck erfüllte, „den Teilnehmern ein nicht nur würdiges, relativ sicheres, sondern ein selbstbestimmtes, ein eigen-sinniges Leben zu ermöglichen“ (S. 124).

Die im Rahmen der „Krupp-Vorlesungen zu Politik und Geschichte“ am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissenschaftszentrum NRW entstandenen Texte sind ein wertvoller Beitrag zum Diskurs über Europa. Adolf Muschg wird übrigens an der Schlussveranstaltung der JBZ-Reihe „Sustainable Mozart“ am 26. Juni in Salzburg mitwirken. Wir freuen uns auf die Begegnung! H. H.

Muschg, Adolf: Was ist europäisch? Reden für einen gastlichen Erdteil. München: Beck, 2005. 126 S. € 14,90 [D], € 15,90 [A], sFr 26,20 ISBN 3 406 53444 9

 

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