Individuum versus Kollektiv

„Wie viel Individualismus verträgt eine soziale Gemeinschaft bzw. ein Gemeinwesen und wie viel > Kommunitarismus das einzelne Individuum?“, fragt Thomas Maak vom Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen in seinem Beitrag über Verteilungsgerechtigkeit und Partizipation. „Individuum versus Kollektiv“ – dieses Spannungsfeld bestimmt zu wesentlichen Teilen die aktuelle Diskussion in demokratischen Gesellschaften und steht zugleich im Mittelpunkt des Interesses der Kommunitaristen. Der vorliegende Band vereint einige Aufsätze von Wissenschaftlern verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen zu diesem Thema. Kommunitarismus wird dabei als „Bewegung für eine bessere, moralische, soziale, politische Umwelt“ verstanden (Amitai Etzioni, S.13). Kommunitaristisch orientierten Soziologen geht es angesichts des zunehmenden Verschwindens gemeinschaftlicher moralischer Grundlagen in liberalen Gesellschaften um eine „Rekonstruktion der Gemeinschaft“ und ein „neues Verantwortungsbewusstsein der Menschen” (S.13). Die Suche nach einem neuen ordnungspolitischen Konsens richtet sich vor allem gegen eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche im Sinne des Neoliberalismus. Es werden aber keine universal gültigen Rechtsprinzipien aufgestellt, vielmehr wird in einem „ordnungsstiftenden Prozess“ (S.32) nach einem Gleichgewicht von individuellen Rechten und sozialer Verantwortung auf der Ebene kleiner Gemeinschaften gesucht.

Kommunitarier kritisieren den methodischen Individualismus, das „ungebundene Selbst“ in den Sozialwissenschaften und betonen neben Individuum und Staat die Gemeinschaft als dritte Dimension, die beachtet werden sollte. Im Licht der Kommunitarismus-Liberalismus-Kontroverse diskutiert, um einen besonders interessanten Beitrag hervorzuheben, Alessandro Pinzani etwa die Frage nach der für die Funktionsfähigkeit einer Demokratie unerlässlichen Gesinnung, ein Art einen moralischen Grundkonsens. Ein weitere Aufsatz beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Rolle der Pädagogik, die zu partizipatorischem Handeln heranbilden soll. Ein in der Literatur bislang unbekannter Ansatz wird in „Liberalismus versus Kommunitarismus – ein falsches Gegensatzpaar?“ vorgestellt: die beiden Perspektiven schließen einander demnach nicht aus, sie bilden hingegen zwei komplementäre Ansätze, die unvollständig bleiben, solange sie nicht miteinander verknüpft werden. Ein Beitrag über “Menschenrechtsbegründungen im Kontext gemeinschaftlicher Gesellschaftskonzeptionen” bildet den Abschluss des Bandes. T. K.

Individuum versus Kollektiv: der Kommunitarismus als „Zauberformel“? Hrsg. v. Klaus Beckmann…Frankfurt/M. (u. a.): Lang, 2000. 241 S., DM / sFr 65,- / öS

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