Im Zentrum der Katastrophe

„Drei Tage nach dem verheerenden Zyklon ‚Sidr’ wird das ganze Ausmaß von Tod und Zerstörung immer deutlicher: Mindestens 1.070 Menschen kamen in dem Wirbelsturm ums Leben, hunderttausende wurden obdachlos, wie die Behörden am Samstag mitteilten. (…) Unterdessen ist die internationale Hilfe angelaufen. (…) Das Auswärtige Amt in Berlin sagte 200.000 Euro für dringende Soforthilfemaßnahmen zu. Mit den Mitteln würden Projekte deutscher Hilfsorganisationen unterstützt.“

Wenn solche oder ähnliche Nachrichten via TV oder Tageszeitung in unsere Wohnzimmer dringen, dann wird meist der Eindruck vermittelt, dass die Betroffenen vor Ort absolut hilflos (vgl. S. 37-49) und ausländische Helfer unentbehrlich seien (vgl. S. 96-115). Spätestens nach Lektüre des vorliegenden Bandes begegnet man solchen Einschätzungen aber überaus skeptisch, da sie meist ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit liefern.

Hilfe ist heute angesichts medial aufbereiteter Katastrophenbilder schnell zugesagt. Aber wie geht es wirklich zu im Zentrum der Ereignisse? Einer, der es wissen muss, meldet sich zu Wort. Der Notfallarzt und Chirurg Richard Munz leitet und organisiert seit 1993 weltweit Einsätze für das Internationale Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen. Er berichtet authentisch von „oft völlig unrealistischen Erwartungen, die in Wirklichkeit nur selten erfüllt werden können“ (S. 7) und fragt nach dem Hintergrund der „fett gedruckten Schlagzeilen“. Seiner Ansicht nach wird internationale Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe allzu oft als großes Abenteuer beschrieben, das es zu bestehen gilt. Darum herum werden vielerlei „Mythen“ und Klischees gesponnen. Zwölf dieser Mythen demontiert der Autor, belegt mit zahllosen Beispielen, in den einzelnen Kapiteln dieses Bandes.

Die Aussage „Die Opfer warten verzweifelt auf Hilfe“, ist ein solcher Mythos. Auf Hilfe zu warten bedeutet nämlich nicht untätig zu sein und zu bleiben. Selbstverständlich wird mit lebensnotwendigen Rettungsmaßnahmen wie Bergung und medizinischer Erstversorgung, zeitnah und von den Menschen direkt vor Ort begonnen. Ein weiterer Irrtum sei der Mythos unserer Unentbehrlichkeit (S. 96), ein anderer der von der schnellen technischen Rettung durch „unsere überragende Technologie“ (S. 194). In Somalia wurden 1993 beispielsweise einheimische Krankenhaus-Ärzte plötzlich arbeitslos, da die deutsche Bundeswehr in der Nähe allen Patienten kostenlose medizinische Versorgung im Feldlazarett nach deutschem Standard anbot (vgl. 198 ff.). Da diese Hilfe aber nur zeitlich befristet war, führte dies dazu, dass das örtliche Gesundheitssystem nachhaltig geschädigt wurde. Munz hält fest, dass Menschen und Material zum Bau von Latrinen als Seuchenvorbeugung oft wichtiger wären als große technische Anlagen. Der Autor plädiert sowohl bei Spendern als auch Medienvertretern und Hilfsorganisationen für größere Bescheidenheit und die Bereitschaft, sich mehr auf die Menschen einzulassen, denen es zu helfen gilt. Nachdrücklich fordert er auch, dass nur ausgebildete und entsprechend vorbereitete Fachleute in Katastrophengebiete geschickt werden, anstatt die Parole auszugeben: „Jede Hand wird gebraucht.“ Zudem seien häufiger Helfer mit logistischen Kompetenzen und Kenntnissen der Landessprache vonnöten als Außenstehende, die über hoch spezialisierte Ausbildungen verfügen, aber wenig Kommunikationsfähigkeit mitbringen. Keinesfalls sollte „das Recht der Opfer von Katastrophen, schnellstmöglich jede nur erdenkliche Hilfe zu erhalten“ zu dem Recht der Helfer umgedeutet werden, „überall auf der Welt humanitäre Hilfe zu leisten, wo immer sie es für angemessen halten“ (S. 75). Die Chance zur Verbesserung humanitärer Hilfe sieht Munz in der Kooperation mit einheimischen Helfern, um nicht für die Menschen vor Ort, sondern mit ihnen an praktikablen Lösungen für die Probleme zu arbeiten. Es reicht nicht, nur eine Wasseraufbereitungsanlage hinzustellen, sondern man muss auch dafür sorgen, dass sauberes Wasser in alle Haushalte kommt. Erinnert sei an dieser Stelle an unseren Beitrag über das verantwortungsvolle Helfen in PZ 4/2006, Nr. 108) Unter dem Titel „Gebt uns keine Fische, sondern eine Angel“, wurde eine Sendereihe im ORF-Hörfunk zum Thema abgedruckt.

Schließlich gibt der Autor noch eine Antwort auf die oft geäußerte Feststellung: „Man weiß ja gar nicht mehr, wem oder wohin man spenden soll“, indem er auf die umfassende Sammlung des Büros der UN für die Koordination humanitärer Hilfe unter www.reliefweb.int hinweist. Dort werden alle Informationen über aktuelle und vergangene Katastrophen gesammelt und archiviert. Ein  aufrüttelndes Buch. A. A.

Munz, Richard: Im Zentrum der Katastrophe. Was es wirklich bedeutet, vor Ort zu helfen. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2007. 246 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 35,-

ISBN 978-3-593-38123-7

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