Herausforderung Bildungsgerechtigkeit

Bildung sei „ein wichtiger Motor für Chancengerechtigkeit. (…) Chancengerechtigkeit [sei] aber nicht zu verwechseln mit lebenslanger Umverteilung mittels Sozialpolitik.“ (S. 12). Mit dieser Aussage gibt Herausgeber Ingo Kramer, seit 2010 u. a. auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, die Stoßrichtung dieses Bandes vor. Es gehe darum, den „Hidden Champions“ (auch jenen aus bildungsfernen Schichten) ihre Chance zu geben. Schlüssel dazu sei die „Verknüpfung von Leistungsprinzip und Potenzialförderung“, so Kramer. Michael Hüther plädiert zur Überwindung des permanenten „Bildungsnotstands“ unter anderem für den Abbau von „Pfadabhängigkeiten, Verantwortungsteilung und Engpässen“, wobei er Letztere etwa bei der „individuellen Förderung im allgemeinbildenden Schulsystem, in der Etablierung von Exzellenz in der Hochschullandschaft und in der Entwicklung von wirksamen Konzepten lebenslangen Lernens“ ausmacht (S. 23f.). Doch was, und wozu sollten wir lernen? Was ist gemeint, wenn von Bildung die Rede ist?

 

Chancengleichheit im Bildungssystem

Hüther unterscheidet vier Bildungsfunktionen: 1. Instrument der Sozialisation, 2. Erwerb von Basiskompetenzen, 3. Erwerb von Humankapital und 4. Allokation und Verteilung von Bildungs- und Beschäftigungschancen. Mit Blick auf die schulische Praxis wendet sich Josef Kraus gegen „irreale Gerechtigkeitsvorstellungen“ und wagt die sicherlich nicht unwidersprochene These (mit dennoch auch einem harten Kern Wahrheit), „dass Chancengleichheit für das Bildungswesen nicht herstellbar“ (S. 37) und „eine gerechte Schule eine Schule der Leistung ist“ (S. 38f.). Weitere Beiträge beschäftigen sich mit dem „System Leadership“ (Verantwortungsübernahme von Führungskräften im Bildungssystem [Stephan Gerhard Huber], mit den Möglichkeiten individueller Begabungsförderung [Claudia Solzbacher], mit dem Beitrag nicht staatlicher Akteure zur Bildungsgerechtigkeit [Marlene Thieme] oder den Potenzialen der Eignungsdiagnostik [Günter Trost]). Die „Herausforderung Bildungsgerechtigkeit“ aus Sicht der Wirtschaft thematisiert Ernst Baumann (der Mangel an Fachkräften wird einmal mehr als „zentrale Zukunftsfrage“, S. 103 benannt), und Thomas Rauschenbach stellt – in diesem Kontext eher überraschend – abschließend die Frage: „Wie lassen sich Bildungsreform und soziale Herkunft entkoppeln?“, auch wenn er zurecht feststellt, dass es hierfür „ein klares und überdies auch noch einfaches Erfolgsrezept nicht gibt. (…) Einigkeit besteht allenfalls in der Diagnose, keineswegs aber in der Therapie.“ (S. 111) Mit einem starken Plädoyer für „Alltagsbildung“ als der „menschheitsgeschichtlich immer schon vorhandenen  (…) Vermittlung und Aneignung von Fähigkeiten, Wissen, Können (…), von Werten und Einstellungen“ wird zuletzt ein starker Akzent gesetzt. Für Rauschenbach nichts weniger als eine „entscheidende Weichenstellung für die bildungspolitische Zukunft Deutschlands“ (S. 119). W. Sp.

Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip.  Hrsg. v. Ingo Kramer. Hamburg: Murmann-Verl., 2011. 131 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 33,80

ISBN 978-3-86774-137-8

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