Grundeinkommen

Hohe Arbeitslosenraten und die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse gelten als Kernprobleme der gegenwärtigen Erwerbsarbeitsgesellschaften, rechnet man den zunehmenden Arbeitsstress vieler in (Voll)Erwerbsarbeit Stehender – Burnout und Stressdepression gelten ja mittlerweile zum arbeitsmedizinischen Standard-repertoire – zu letzterem. Die Devise von Wirtschaftsverbänden, Politik und Gewerkschaften angesichts der Beschäftigungskrise lautet unisono: mehr Arbeitsplätze durch mehr Wirtschaftswachstum (s. o.). Nicht grundsätzlich neu, aber erst in letzter Zeit breiter in Diskussion gekommen ist die geradewegs konträre Antwort auf die Krise: Soziale Sicherheit schaffen ohne Arbeit – durch ein Grundeinkommen für alle.

Die vorliegenden 24 Beiträge beleuchten das Thema „Grundeinkommen“ aus unterschiedlicher Perspektive, auch wenn die grundsätzliche Befürwortung dieser sozialen Innovation als verbindende Klammer steht. Ausgangspunkt der meisten AutorInnen ist der Tatbestand hoher Wirtschaftsproduktivität, der ein Grundeinkommen nicht nur möglich mache, sondern auch nahe lege: „Arbeitslosigkeit ist, jedenfalls in West- und Zentraleuropa, nicht Folge eines Mangels, sondern just die Folge eines Reichtums, der alle Rekorde bricht und über alle Stränge schlägt.“ (S. 20) Wirtschaften müsste daher neu definiert werden: „Mit welchem Arbeitsaufwand wir all das herstellen (könnten), was wir brauchen, ist vernünftigerweise ein zentrales Wohlstandsmaß. Der Wohlstand müsste steigen, nimmt dieses Arbeitspensum ab“, so das Herausgebertrio in der Einführung weiter. Arbeitslosigkeit werde hysterisiert und dramatisiert: das lenke ab vom tatsächlich „leistungslosen Reichtum“ der Vermögenden, die Geld, Besitz oder andere Menschen für sich arbeiten lassen, und es diszipliniere jene, die noch Arbeit haben. Arbeit sei das „letzte Instrument der sozialen Kontrolle, das geblieben ist, nachdem die Kirche, die Gemeinde und andere Institutionen dies nicht mehr leisten können“, meinte der anwaltschaftlich zitierte Ralf Dahrendorf bereits im Jahr 1982! Nicht zuletzt wird der sozial und ökologisch verhängnisvolle „Zwang zum Produzieren“ wider das gegenwärtige Wirtschaften im Dienste von noch mehr Profiten ins Treffen geführt.

Dem allem ist zuzustimmen. Übersehen wird in den Beiträgen jedoch das stark gestiegene Beschäftigungsvolumen vor allem durch die ausgeweitete Frauenerwerbstätigkeit, was die gestiegene Arbeitslosigkeit auch miterklärt. Es wurde nie so viel gearbeitet wie heute! Dennoch bleibt die Frage nach der Verteilung des produzierten Mehrwerts virulent. Sie ließe sich freilich auch erreichen durch Arbeitszeitverkürzungen, neue Arbeitszeitmodelle (z. B. Modell „Halbtagsgesellschaft“, s. PZ 2007/2) sowie ausgeweitete Transfereinkommen (Götz W. Werner weist in seinem Beitrag auf deren Bedeutung bereits heute hin – von den 82 Mio. EinwohnerInnen in Deutschland sind nur 27 Mio. sozialversicherungspflichtig beschäftigt, alle übrigen beziehen andere Einkommen).

Das Grundeinkommen ist demnach nur eine Form, die Beschäftigungsquoten und damit auch den Wachstumszwang zu senken und neue Freiräume jenseits der Erwerbsarbeit zu eröffnen. (Etwas anders stellt sich das Thema in noch stärker polarisierten, einen hohen informellen Sektor aufweisenden Ländern wie Brasilien, in dem das Grundeinkommen („Familiengeld“) als Strategie der Armutsbekämpfung eingeführt wurde; s. Beitrag Clóvis Zimmermann). Konsequent und lohnend sind demnach insbesondere jene Ausführungen des Bandes, die über das Grundeinkommen hinaus ein anderes Wirtschaften andenken. Der vor kurzem verstorbene große Soziologe André Gorz spricht von der Aneignung der Arbeitsmittel, „um nicht Waren zum Zweck des Geldverdienens, sondern Güter zum Zweck der Selbstversorgung zu produzieren“ (S. 77). Er setzt Hoffnungen in neue Produktionsmaschinen, so genannte „fabbers“, die dezentral und kooperativ Güter auf Hightech-Niveau herstellen können (www.fabbers.com). Kai Ehlers plädiert für regionale Wirtschaften sowie „eigenproduktive Solidargemeinschaften“ (S. 154) als „sozialen, ökonomischen und emotionalen Puffer“ gegen den Druck und die Schwankungen der globalen Ökonomie. Das Grundeinkommen könnte dabei – wie Andreas Exner fordert – „dem monetären Sektor Ressourcen entziehen, um damit Netzwerke direkter Kooperation zu speisen.“ (S. 201) Daraus würden sich wohl spannende neue wirtschaftliche Experimente jenseits des Konkurrenzprinzips und der Verwertungslogik des Kapitals eröffnen. H. H.

Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit. Hrsg. v. Andreas Exner … Wien: Deuticke, 2007. 285 S., € 21,50 [D], 22,10 [A], sFr 38,30

ISBN 978-3-552-06065-4

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