Globalisierung: Chancen für die deutsche Zukunftsgesellschaft

Der Dreiklang von Wirtschaftswachstum, sozialer Sicherheit und politischer Demokratie ist im Banne der Globalisierung grundlegenden Veränderungen unterworfen. Roland Tichy erachtet deshalb eine Wende in der Wirtschaftspolitik, die den Strukturwandel zur Informationsgesellschaft vorantreibt und den Übergang in die Wissensgesellschaft begleitet, für unabdingbar. Basis für eine intelligente Gestaltung dieses Wandels ist für den Wirtschaftspublizisten die Marktwirtschaft, die ohnedies nach dem Wegfall anderer Vergleichssysteme ihre Leistungsfähigkeit aus sich selbst heraus beweisen müsse.

Dabei geht es keineswegs um die Abschaffung, sondern um die Reform des Sozialstaates. Die Politik wäre insofern gefordert, als sie Strategien des Auswegs finden und begehbar machen müßte. “Wirtschaftspolitik ist mehr als nur der Versuch, über Kürzungen hier und da die Kostenkrise in den Griff zu bekommen:’ (S. 10) Wie im Jahre 1968, so Tichy, stehen wir heute vor einem erheblichen Reformstau nach dem Motto, in der Welt ist nichts beständiger als die Veränderung. Der Autor hält von Endzeitstimmung nichts. Auch die Politik solle sich bezüglich Lebensstil und Mobilitätsverhalten der Verzichtspredigten enthalten und auf die Innovationen zur Steigerung der Effizienz im Ressourcen- und Landschaftsverbrauch konzentrieren. Tichy hält 30 Jahre nach den “Grenzen des Wachstums” die damals angekündigten Grenzen für keineswegs erreicht. Bei der Verfügbarkeit der fossilen Energiequellen – die Ölreserven reichen seiner Ansicht nach noch etwa 43 Jahre – setzt der Autor auf Zeit, um bis dahin neue Energiequellen zu finden und Einsparungen umzusetzen. Die größten Potentiale einer alternativen Energiepolitik sieht er im Energiesparen sowie in der Effizienzsteigerung. Den Versuch, Marktwirtschaft und Umwelt mit der Einführung einer Ökosteuer zu verbinden, hält er für einen Irrweg. Tichy nennt hier eine Reihe von Ungerechtigkeiten bei der Belastungsverteilung etwa zwischen Banken und energieintensiven Produktion. Insgesamt plädiert er aber auch dafür, die Energiepreise zu erhöhen und mit den Einnahmen die Arbeitskosten – sprich Lohnsteuer – zu senken. Die differenzierte Analyse ist Tichys Sache nicht, wenn er vorrechnet, daß sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Weltbevölkerung zwar verdoppelt, die Nahrungsmittelproduktion aber verdreifacht hat. Gleichwohl hält Tichy aber doch die ökologische Herausforderung für eines der Hauptfelder politischen Handelns in der Zukunft. Insgesamt fordert er mehr Offenheit und Flexibilität “als die Bonner Rituale zulassen” (S. 251). Ob es die jetzt gerade in Bonn stattfindende Wende ist, die Tichy meinte, darf bezweifelt werden, obwohl man dort mit der Idee einer Energiesteuer- nach Tichys Terminologie – ernst macht, um ökologische Akzente zu setzen.
A. A.
Tichy, Roland: Ab in die Neue Mitte! Die Chancen der Globalisierung für eine deutsche Zukunftsgesellschaft. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1998.254 S., DM / sFr 79,60/ ÖS 579,50

 

 

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