Gewalteskalation oder neues Teilen

Manche Bücher erscheinen zur richtigen Zeit, jenes des österreichischen Sozialwissenschaftlers Erich Kitzmüller ist eines davon. Der ungewöhnliche Denker, der sich auf Hannah Arendts Philosophie des Tätigseins (“vita activa”) und insbesondere auf die Gewalttheorie des Franzosen Rene Girard sowie dessen Schüler Jean-Pierre Dupuy bezieht, fordert uns auf, die Ambivalenz der Moderne zwischen der enormen Produktivität einerseits und der folgenschweren Destruktivität andererseits – Kitzmüller spricht vom ”Technopathischen Expansionismus” – in ihren Tiefenstrukturen wahrzunehmen. 

Zwei Thesen legt Kitzmüller seinen Analysen zugrunde: 1. Die freien Marktwirtschaften haben die Gewalt nicht überwunden, sondern im Konkurrenzprinzip lediglich kanalisiert. 2. Der Vorgang der Opferung – bekannt aus allen Kulturen – wird in der Moderne in anonymisierten Täter-Opferbeziehungen (Blindheit gegenüber der Umweltzerstörung, Ausgrenzung der Nichtanpassungsfähigen) fortgeführt. Der Autor befürchtet eine Eskalation der Gewalt in den Beziehungen ebenso wie gegenüber der Natur, sollte sich unser Kurs nicht grundlegend ändern. Von den gegenwärtigen “Umwelt- und Sozialreparaturen” hält er dabei wenig, sein Augenmerk gilt vielmehr der vorsorgenden Vermeidung von Schäden. Durchaus skeptisch beurteilt der Alternativökonom auch den Öko-Ansatz der Effizienzsteigerung (Reduzierung der Stoff- und Energieströme) sowie die allgemeine Rede von der Nachhaltigkeit, solange diese nicht die Expansionszwänge ins Blickfeld rücke. Kitzmüller plädiert für den Übergang von der “Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft” und für eine ”Redimensionierung” der Ökonomie sowie deren Rückbindung an “die Anforderungen der Lebens-   weit”. Abkehr von der ”Vermögensvermehrungs-Ökonomie”, Vorrang für die aktive Lebensgestaltung, flexible Handhabung der Erwerbsarbeit, Forcierung der Eigenarbeit, “Gründung” eines öffentlichen Raums der Einmischung, Hinwendung zu einer Form des “kommunikativen Wirtschaftens” – dies sind die Eckpfeiler des hier entworfenen Bildes einer nachhaltigen Gesellschaft des ”Zusammenhandelns”, Der Autor spricht von einer “zweiten Aufklärung” (und verwehrt sich daher vehement gegen Apokalypsedrohungen jeder Art), er weiß aber, daß Bewußtseinsveränderungen auch neuer Rahmensetzungen bedürfen. Der Grün-Vordenker sieht diese in einem freien, aus den Erträgen der Volkswirtschaft finanzierten Grundeinkommen für alle (welches erst die „Tätigkeitsgesellschaft” sowie das “Erschlaffen der Expansion” ermögliche) sowie – und darin trifft er sich mit vielen anderen Reformern – in einer ökosozialen Transformation des Steuersystems, welches Arbeit verbilligt und Naturverbrauch verteuert. Erst in einer derart veränderten Gesellschaft könne, so der Sozialwissenschaftler, der Markt seine konstruktive Rolle der ”Verknüpfung der Akteure” erfüllen. Erich Kitzmüller weist in diesem bedenkenswerten Buch auf blinde Flecken unserer überinformierten Gesellschaft hin, der die Orientierung ebenso wie die Achtsamkeit für die Folgen des eigenen Tuns abhandengekommen ist (für den Soziologen eine ”Kommunikationsstörung”): Er bietet Alternativen an in einer Zeit, in der der Fortschrittsoptimismus lahmt und die herkömmlichen Gesellschaftsreparaturen immer weniger greifen. Er warnt nicht zuletzt vor den möglichen Eskalationen der gegenwärtigen Krisen, ohne jedoch in Apokalypseblindheit zu verfallen, vielmehr fordert er jene politische zivile Gesellschaft ein, die den Rückfall in die alten Sündenbock-Muster verhindern kann. H. H.

Kitzmüller. Erich: Gewalteskalation oder neues Teilen. Hrsg. von Herwig Büchele …Münster (u. e): LIT-Verl. (u.a.), 1996.296 S., DM / sFr 38,- / öS 298

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