Gestürmte Festung Europa

Im Einklang hat sich EU-Europa der Abschottung verschreiben. An den Außenposten der Festung werden die Wehrzäune erhöht und das Netz der Überwachungsmaßnahmen dichter geknüpft, im Inneren sorgen rigide gesetzliche Maßnahmen für die Segregation der Gesellschaft und den tagtäglichen Verstoß gegen die Menschenrechte und europäischen Grundwerte. Auch darum wird sich ein demnächst bestellter Kommissar zu kümmern haben. An der Stelle von Freiheit, Gleichheit und „Geschwisterlichkeit“ schaffen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verdrängung an den Zäunen der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, an den Ständen der Kanarischen Inseln, in den Banlieus von Paris, aber auch in „Londistan“, Neukölln oder Traiskirchen jene giftige Mischung aus Zorn, Verzweiflung und Intoleranz, die dem neuerlichen „Sturm auf die Bastille“ den Boden bereitet.

Corinna Milborn, Politikwissenschaftlerin in Journalistin in Wien, wollte es genauer wissen: Gemeinsam mit Reiner Riedler, der ihre Recherche durch authentische, bedrückende Fotos anreichert, hat sie sich auf den Weg gemacht, um an den Brennpunkten des Geschehens mit Betroffenen zu sprechen. Ihr in neun Kapiteln verfasster Bericht ist ein aufwühlendes, authentisches und mutiges Dokument, inspiriert von hohem journalistischem Ethos und abgesichert durch eine Vielzahl akribisch recherchierter Daten und Fakten. Europa, so erfährt man beispielsweise, ist de facto ein Einwanderungskontinent; schon heute leben 56 Mio. Einwanderer in den Staaten der EU, und 2050 werden es 230 Mio. sein. Es ist nicht zuletzt die neokapitalistische Logik des freien Marktes, die – beispielhaft an Burkina Faso erläutert – jene Armut, Verzweiflung entstehen lässt, die Menschen in der Hoffnung aufbrechen lässt, in Europa eine Zukunft – Arbeit zu finden. Viele sind Jahre lang zu Fuß unterwegs, fristen als Illegale vor Ceuta ihr Dasein, um – vielleicht – als blinde Passagiere den Kontinent falscher Verheißungen zu erreichen. Immerhin ist ihnen so das Schicksal jener rund 20.000 Menschen erspart geblieben, die in den letzten 10 Jahren auf dem Seeweg nach Europa umgekommen sind.

Welche Entbehrungen und Schikanen die meisten Flüchtlinge erwartet, die den Kontinent erreichen, ohne je die Aussicht auf ein würdevolles Leben zu haben, zu welchen gesellschaftlichen Verwerfungen bis hin zu blinder Gewalt dies führt, die – wir erleben es aktuell – Europas Zukunft gefährdet, schildert Corinna Milborn gleichermaßen engagiert und facettenreich. Darüber hinaus aber sucht sie nach gangbaren Alternativen zu der bisherigen politischen Praxis: In Anbetracht der Tatsache, dass die drei bisher praktizierten Modell der Integration – Multikulturalismus (Niederlande, GB) Assimilierung (Frankreich) und die befristete Aufnahme als GastarbeiterIn (Deutschland, Österreich) – durchwegs als gescheitert anzusehen sind, fordert Milborn, auch hier überzeugend, die Neu-Definition Europas als Einwanderungskontinent, der (nach dem Beispiel Kanadas) den Einreisewilligen zwar Pflichten abverlangt, aber auch Rechte einräumt, und plädiert dafür, durch faire Handelsbedingungen in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Herkunftsländer zu investieren. „Die ‚Festung Europa’“, so hält sie resümierend fest, „ist ein Konstrukt. (…) Die Mauern der Festung werden täglich von kleinen Explosionen erschüttert. Europa hat sich dadurch in ein Pulverfass verwandelt. Aber die Zündschnur ist noch zu löschen.“ W. Sp.

Milborn, Corinna: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. Das Schwarzbuch. Mit Fotos v. Reiner Riedler. Wien (u. a.) Styria-Verl., 2006. 248 S. € 19,90, sFr 24,90 ISBN 3-22213205-4

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