O Gerechtigkeit

Dass nicht nur Parteien, sondern auch Politikwissenschaft, Soziologie und Medien verstärkt nach den Voraussetzungen eines gerechteren Miteinanders Ausschau halten, zeigt unter anderem Thomas Rothschild. Der an der Universität Stuttgart lehrende Literaturwissenschaftler eröffnet einen schmalen, aber gehaltvollen Band mit Zitaten zum Begriff „Gerechtigkeit“ (s. Kasten S. 21), um im Folgenden mit dem Grazer Rechtshistoriker Peter Koller darauf zu verweisen, dass „soziale Ungleichheiten nur gerechtfertigt sind, sofern es nicht möglich ist, durch eine Umverteilung gesellschaftlicher Güter von oben nach unten die Lage der jeweils schlechter gestellten Personen nachhaltig zu verbessern“ (S. 11).

Dies impliziert, so Rothschild, das Gebot der Umverteilung, wo immer diese möglich ist, auch dann, wenn sie nicht von allen Beteiligten als Win-Win-Strategie empfunden wird (womit er zu Recht darauf aufmerksam macht, dass Umverteilung nicht von allen als gerecht empfunden werden muss). Ist es, so fragt der Autor, etwa gerechtfertigt, Parteimitglieder bei gleicher Qualifikation gegenüber anderen KandidatInnen bei Karrieren zu begünstigen? Und warum halten wir es für angemessen, dass Spitzenfußballer Millionen kassieren? Thomas Rothschild unterliegt nicht der Versuchung, die aufgeworfenen Fragen definitiv zu beantworten. Er lädt vielmehr dazu ein, selbst nach Antworten zu suchen, um zu erkennen, dass es letztlich nicht möglich ist, Gerechtigkeit zu definieren. Zwei Exkurse zu Schlüsselwerken der Literatur (von Aischylos über Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und  Kleists „Michael Kohlhaas“ bis hin zu Brecht und Camus) und zum Film (Fritz Lang, Robert Bresson und Martin Scorsese) sowie Reflexionen zum Zusammenhang von Gerechtigkeit und Neid, Rache, Terror, Elite, Kompromiss und Schuld verweisen darauf, dass das Streben nach Gerechtigkeit als niemals erreichbares Ideal eines der zentralen Herausforderungen gesellschaftlichen Miteinanders darstellt. Dass der Autor dabei nicht vage distanziert argumentiert, sondern entschieden Position bezieht, zeigt sich immer wieder, pointiert etwa, wenn er Neid nicht als Laster, sondern als besondere Auszeichnung demokratischer Gesinnung darstellt: „Den Neid zu schüren auf jene, die die Genüsse kennen und für sich beanspruchen, aufzuhetzen gegen die ungerechte Verteilung: das ist keine Förderung von Untugenden, sondern ein demokratischer Akt, (…) die Rede vom – hässlichen – Neid hat die Aufgabe, die Diagnose des Klassenkampfes zu verdrängen. Entsprechend stehen einander nur noch neidische und beneidete Individuen gegenüber, nicht eine Arbeiterklasse und eine Klasse derer, die die Produktionsmittel besitzen und im Zeichen der Globalisierung dort nutzen können, wo Arbeitskraft am billigsten ist.“ (S. 59)

Man mag Thomas Rothschilds Sichtweise als radikal empfinden, etwa dort, wo er die Usancen der (österreichischen) Sozialdemokratie im Kontext von Macht, Schuld und Vergebung thematisiert. Stimmen wie diese aber sind wertvoll, ja unentbehrlich, weil sie uns davor bewahren können, die Belanglosigkeiten des Alltags mit jenen Themen zu verwechseln, die zu beantworten, dem Nachdenken erst Tiefe und Gehalt geben. W. Sp.

Rothschild, Thomas: O Gerechtigkeit. Ein Essay über Verteilungsgerechtigkeit, Neid, Rache, Terror, Kompromiss und die Sozialdemokratie. Wien: Promedia-Verl., 2010. 175 S. € 14,90, sFr 26,10

ISBN 978-3-85371-305-1

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