Gerechtigkeit

image018Ist ‚Gerechtigkeit‘ zum bloßen Schlagwort verkommen oder ist sie ein wertvolles Gut der Gesellschaft? Oft begegnet uns das Wort als ein Ideal, auf das sich verschiedene und auch widerstreitende Akteure berufen. Der Ruf nach einer gerechten Gesellschaft ist allgegenwärtig. Die aktuelle Politik liefert ebenfalls Stichworte wie Mindestlohn und Bankerboni, Rente mit 63, Generationengerechtigkeit usw. Wie bei Jakob Augstein nachzulesen, ist Gerechtigkeit die Abwesenheit von Ungerechtigkeit. Christian Schüle schreibt darüber, obwohl es Gerechtigkeit für ihn gar nicht gibt, ganze 359 Seiten. „Gerechtigkeit an sich gibt es so wenig, wie der Mensch an sich gerecht ist, weil der Mensch an sich gar nicht gerecht sein kann, wohingegen es gerecht handelnde Menschen durchaus gibt, aber nur dort, wo ihr Verhalten einer Ordnung entspricht, die als gerecht gilt.“ (S. 12)

Was ist also Gerechtigkeit heute? Immer geht es dabei gleich um alles, wie Schüle bemerkt: „soziales Verhalten, praktizierte Ethik, gesetzliches Recht, gesellschaftliche Selbstorganisation; um das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit und das Spannungsfeld zwischen individueller Tugend und staatlicher Institution“ (S. 11). Jede Frage nach den Voraussetzungen des gerechten Lebens ist für den Autor letztlich eine nach den Voraussetzungen eines besseren Lebens. Schüle bleibt bei seiner Spurensuche nicht an der Oberfläche zeitgeistiger Betrachtungen. Er bezieht sich auf geistesgeschichtliche, sozialpolitische und moralische Wurzeln der Gerechtigkeit und entlarvt sie auch hier als bloßes Konstrukt der gerade bevorzugten philosophischen, religiösen und politischen Strömungen. Trotz seiner, wie er es nennt, „Abrissarbeiten am Gerüst der Gerechtigkeit“, trotz seiner Überzeugung, es könne Gerechtigkeit nicht geben, behauptet er am Ende seiner Ausführungen: „Alles ist nichts ohne Gerechtigkeit. Sie liegt allem zugrunde und schwebt über allem.“ (S. 355) Nachdem der Begriff „geschleudert, gewrungen, getrocknet und gemangelt letztlich in unschuldiger Nacktheit am Bügel hängt“, versteht Schüle darunter das „konventionelle Recht des einzelnen Bürgers auf die Möglichkeit individueller Entfaltung sowie die konventionelle Pflicht staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen, diese Möglichkeiten zu ermöglichen“ (S. 357). Letztlich aber gibt es nur eine einzige Form naturgegebener Gerechtigkeit: „die Herrschaft des größten, unbestechlichsten, unbeherrschbarsten Gleichmachers, dessen Werk alle Menschen jenseits von Schicht, Milieu und Klasse, von Hautfarbe, Geschlecht und Intelligenz zu Gleichen eint: der Tod.“ (S. 360) Alfred Auer

 Schüle, Christian: Was ist Gerechtigkeit heute? Eine Abrechnung. München: Pattloch-Verl., 2015. 360 S.,
€ 19,99 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-629-13049-5

 

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