Generationen und sozialer Wandel

Der von Rolf Becker, Soziologe und Politikwissenschaftler an der TU Dresden, herausgegebene Band versammelt gehaltene und nicht-gehaltene Vorträge des Soziologiekongresses 1996 und thematisiert die “Entstehung, Verfestigung und Verstärkung von Solidarität. Konflikten, sozialer Ungleichheit innerhalb und zwischen Generationen” (S. 7f.). Die Beiträge befassen sich u.a. mit der intra- und intergenerationalen Heiratsmobilität von Frauen, mit Berufsverläufen von verheirateten Frauen, dem Zusammenhang von Bildungsvererbung und Gesundheit, den Bildungschancen von Kindern in Abhängigkeit von der Bildung der Eltern, den Unterschieden in den Filiationsbeziehungen in den neuen und alten Bundesländern sowie dem Zusammenhang Bildungsniveau und Lebensdauer. Drei Beiträge bemühen sich um die Dekonstruktion von modernen Mythen: Der Krise der Familie und dem damit befürchteten moralischen Verfall der Gesellschaft und dem Abschieben der alten Familienangehörigen in Heime. Paul B. Hili und Johannes Kopp zeigen auf, daß die diagnostizierte Krise der Familie – weniger Eheschließungen, weniger und spätere Geburten, Pluralisierung der Lebensformen – durchaus schon früher als Zeichen für das Ende der Institution und als Beginn des moralischen Untergangs – wie auch heute oft beschworen gedeutet wurden. Dies machen Texte aus den USA um die Jahrhundertwende und aus dem Deutschland der 20er und 30er Jahre deutlich. Martin Kohli u. a. zeigen ebenfalls auf, daß der Zerfall der (Groß-)Familie nicht so markant ist: zwar leben weniger Generationen in einem Haushalt, doch eine große Zahl der heute 40- bis 85-jährigen Familienmitglieder lebt in der Nachbarschaft. Diese Nachbarschaft der Generationen ist auch Grundlage dafür, daß der Großteil (80%) der hilfs- und pflegebedürftigen alten Menschen von Mitgliedern ihrer Familie, vor allem Ehefrauen und Töchter, betreut werden. Aufgrund demographischer Entwicklungen und Veränderungen in der weiblichen Normalbiographie sowie der steigenden Mobilität von Familien werden schon in naher Zukunft nicht mehr so viele Alte von Frauen der Familie betreut werden können. Doris Rosenkranz und Norbert F. Schneider stellen in ihrem Beitrag daher die Frage: “Wer pflegt morgen?” und plädieren für mehr Beteiligung von Söhnen, zugleich aber für den Ausbau und die Erweiterung von professionellen Angeboten in der Altenhilfe, deren Finanzierung einen gesellschaftlichen Konsens aller Generationen notwendig macht. S. A.

Generationen und sozialer Wandel. Generationsdynamik, Generationsbeziehungen und Differenzierung von Generationen. Hrsg. v. Rolf Becker. Opladen: Leske & Budrich, 1997.248 S.

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