Gärtnerische Tugenden, botanische Überraschungen

Von abgezirkelt zurechtgestutzten Buchsbäumchen hält er ganz und gar nichts, dieser eigenwillige Gärtner. Er versetzt sich in die Lage dieser denaturierten Gewächse, die darüber nachgrübeln, “ob es ein Leben außerhalb des Frisiersalons gibt” (S.86). Er gibt auch offen zu, daß er mit seinen Pflanzen spricht, ist sich aber bewußt, daß diese Gespräche immer Monologe bleiben werden. Statt überzüchteter Rosenhybride bevölkern seinen Garten, nahe dem niederrheinischen Kleve gelegen, so manch unscheinbares, gemeinhin verachtetes Pflänzchen, das anderswo als schnödes Unkraut ausgerottet wird. Aber auch Exoten finden freundliches Asyl. Südamerikanische Zitronensträucher, Yaconknollen und Steviablätter werden gehegt und gepflegt. Ihr Hauptnachteil liegt freilich in der mangelnden Winterhärte.

Dahl erlebt seine Pflanzen mit allen Sinnen. Die verschiedensten Blüten, Blätter und Wurzeln werden auf ihre Eßbarkeit hin getestet, wobei leider vieles entweder nach gar nichts oder ganz einfach “grün” schmeckt. Auch der Geruchssinn kommt auf seine Kosten, wobei der Gärtner aus gewissen morbiden Neigungen kein Hehl macht. Zu seinem Vergnügen legt er einen regelrechten “Stinkgarten” an, wo Düfte nach Aas, Achselschweiß und faulem Fisch die Masochistennase benebeln. Der Verfasser erkennt darin “ein gräßliches Zeichen für den Verfall der Sitten” und fragt selbstkritisch: “Wäre das unter Adenauer möglich gewesen?” (S. 101)

Es sind sehr subjektive Erfahrungen, die der Gartenexperte der deutschen Wochenzeitung “Die Zeit” hier preisgibt, obwohl auch praktische Tipps nicht fehlen. Von gängigen Gartenratgebern unterscheidet sich das Buch allein schon durch seine Illustrationen. Statt Pflanzenporträts findet man Geschäftsannoncen aus einer altösterreichischen Gartenzeitschrift, die mit ihrem nostalgischen Charme bezaubern. Ein Meisterstück ist der umfangreichste Essay des Bandes, “Einiges über die Eiche”, in dem Botanik und Historie eine lehrreich-amüsante Verbindung eingehen.
R. L
  
Dahl, Jürgen: Der neugierige Gärtner. Von gärtnerischen Tugenden und botanischen Überraschungen. München: Dt. TB-Verl., 1998. 167 S.; dtv 36087) DM 14,90 /sFr 14,10 / öS 109,-

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