Führungsmacht USA und Moral – Neue Werte für die Weltpolitik

Ein Jahrhundert des Megatodes sieht Zbigniew Brzezinski, ehemaliger Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, nun zur Neige gehen. Hitler und Lenin werden in seiner Analyse als die Urheber jener Metamythen (Nationalsozialismus, Marxismus-Leninismus) genannt, die letztlich Krieg, Massenvernichtung und Völkermord hervorgebracht hätten. Leider schreckt der nunmehrige Professor für Internationale Politik bei seinem Bemühen, die Ursachen für die gigantischen Gewaltverbrechen dieser Epoche auf einige wenige historische Persönlichkeiten und zwei totalitäre Ideologien zu reduzieren, auch vor zumindest gewagten Analogien und allzu markigen Sprüchen nicht zurück.

Nur so lassen sich peinliche Behauptungen wie jene, dass für den Kommunismus mit der Diktatur des Proletariats das Ende der Geschichte erreicht wäre, erklären. Dem Fukuyamaschen Jubel über den Triumph von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft wird jedoch mit Skepsis begegnet. Zu instabil und unsicher sei die gerade entstandene Weltordnung noch.

In einer eigenartigen Mischung aus Willensmetaphysik und Geschichtsdeterminismus streicht Brzezinski das Problem der Führungsmacht als entscheidende Größe weltpolitischer Entwicklung heraus und lässt keinen Zweifel daran, dass gegenwärtig einzig die USA die Alternative zu weltweiter Anarchie seien.

Denn ein nur langsam mit seiner politischen Einigung vorankommendes Europa und ein militärisch wenig relevantes Japan könnten den anstehenden Problemen und potentiellen Unruheherden – etwa dem geopolitischen Vakuum in Eurasien oder der Gefahr eines von Russland ausgehenden Faschismus – nur wenig entgegensetzen.

Doch auch die Situation der Vereinigten Staaten ist für den ehemaligen Präsidentenberater alles andere als erfreulich, werde die Nation ja nicht nur von wirtschaftlicher und sozialer Misere geplagt, sondern laboriere zudem an fehlender Sittlichkeit. In der Tradition der konservativen Medienpädagogik wird in diesem Zusammenhang der verderbliche Einfluss des Fernsehens auf überlieferte Werte wie Familie, Gemeinschaft und Vaterland beklagt und die einseitige Konsumorientierung – besonders der Jugend – angeprangert. Doch auch der ethnische Wandel der US-Gesellschaft setzte die „geistigen Wurzeln” des Landes zunehmend unter Druck.

Nicht Macht alleine, so lautet also die Schlussfolgerung, sondern nur ihr Verbund mit einer überzeugenden Moral könnte die Führungsrolle der USA gewährleisten, deren stabilitätssichernde Funktion längerfristig von trilateralen Beziehungen (Japan, USA, Europa) und einer neugestalteten UNO übernommen werden müsste.

Doch welche im Titel angesprochenen „neue Werte” sollen einem relativistischen Agnostizismus” nun entgegengestellt werden? Der Forderung nach Selbstbeschränkung und der Feststellung, dass sich das westliche Konsummodell nicht weltweit reproduzieren lässt, ist sicher zuzustimmen. Doch davon abgesehen reicht der moralische Imperativ nicht über das Beschwören einer nicht näher bestimmten Verantwortung und die Ablehnung eines “unreflektierten Egalitarismus” hinaus. Die Teilung der Welt in eine reiche Minderheit und eine arme Mehrheit findet zwar Erwähnung, ob das neue Wertebewusstsein hier zu Konsequenzen drängt, ist aber nicht zu erfahren.

 

G.S.

Brzezinski, Zbigniew: Macht und Moral. Neue Werte für die Weltpolitik.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 1994.274 S., DM 39,-/sFr 33,-/öS 304,20

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