Frauen, Frauenfragen, Repräsentation und Demokratie

Politik müsse “ohne den blinden Fleck des Geschlechts neu konzeptualisiert werden”, ist Anne Philipps – sie lehrt Politikwissenschaft an der Londoner Guildhall University – überzeugt. Sie zeigt auf, wie Frauen das sogenannte Private in die Politik getragen haben (“Die Frage, wer die Kinder abholt und wer den Tee bereitet, ist von vitalem politischen Interesse”), verwehrt sich aber zugleich gegen die Sichtweise, daß Frauen nur Frauen(fragen) vertreten sollen. “Entscheidend ist die Forderung nach der politischen Präsenz von Frauen, womit nicht gesagt sein soll, daß in Frauenfragen nur Frauen etwas zu sagen hätten und Frauen nur als Vertreterinnen ihres Geschlechts sprechen dürfen”, so ein wichtiges Argument der Autorin hinsichtlich der gleichberechtigten Repräsentation von Frauen in politischen Gremien. Daß diese in Skandinavien am weitesten fortgeschritten ist, führt sie auf die Bedeutung der sozialdemokratischen Parteien in diesen Ländern zurück, die nicht nur sehr früh Quotenregelungen gefordert und auch durchgesetzt haben, sondern durch eine aktive Sozialpolitik erst die Freiräume von Frauen für Politik und öffentliches Engagement geschaffen hätten.

Ausführlich setzt sich die Politikwissenschaftlerin mit dem Verhältnis des Feminismus zu den drei Formen der Demokratie – republikanische, liberale und partizipatorische – auseinander. Während die Republikaner durch ihren männlich-elitären Politikbegriff (etwa strikte Trennung von Öffentlichem und Privatem) der Frauenbewegung am entferntsten stünden, habe der Liberalismus wenigstens begonnen, die Frauen als Individuen wahrzunehmen, ohne freilich die Differenz des Geschlechts miteinzubeziehen. Die größten Affinitäten sieht die Autorin zur partizipatorischen (radikalen) Demokratie – hier als Form der Mitbestimmung in allen Lebensbereichen verstanden, was mehr meint als direkte Demokratie -, da diese der Frauenbewegung mit der Betonung der Versammlungen (“face-to-face-Demokratie”) am nächsten komme. Sie sieht aber auch deren Grenzen, denn Demokratie heiße auch, “daß alle Menschen als Gleiche betrachtet werden und nicht an Bedeutung gewinnen, wenn sie mehr Versammlungen besuchen”. Nur die Stimmabgabe – bei Wahlen oder durch Volksabstimmungen – könne diese Gleichheit garantieren, unterstreicht Phillips zuletzt doch die Notwendigkeit und Stärke liberaler Demokratie. Der Feminismus könne jedoch dazu beitragen, daß” Heterogenität und Differenz anerkannt (werden), ohne zugleich vor einem Reduktionismus zu kapitulieren, der jeden von uns nur durch einen einzigen Aspekt definiert”.

H. H.

Phillips, Anne: Geschlecht und Demokratie. Hamburg: Rotbuch, 1995. 280 S. (Rotbuch Rationen) DM 39,80/ sFr 40,80/ ÖS 311

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