Frauen forschen anders

Frauen haben in den Naturwissenschaften nach wie vor einen schweren Stand. Doch in einigen Forschungsbereichen hat der Feminismus inzwischen umwälzende Veränderungen ausgelöst. So ist die Primatologie vor einiger Zeit dazu übergegangen, Primatengesellschaften aus weiblicher Perspektive zu analysieren. Dabei ist zutage gekommen, dass weibliche Primaten keineswegs die unterwürfigen, genügsamen und sexuell spröden Hausmütterchen sind, die die traditionelle Biologie in ihnen gesehen hat. Tatsächlich sind die Weibchen unausgesetzt mit Macht- und Statuskämpfen beschäftigt, und sie versuchen mit allen strategischen Mitteln, ihre Interessen durchzusetzen. Die Paläoanthropolgie hat nach den jagenden Männern endlich die sammelnden Frauen entdeckt. Und sie erkennt jetzt die entscheidenden Anteile an, die Frauen seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte zur Nahrungsversorgung beigesteuert haben; auch räumt sie mittlerweile ein, dass etliche der bedeutendsten und frühesten technischen Errungenschaften der Zivilisation – darunter vor allem die unscheinbaren Werkzeuge und Geräte, die dazu dienen, Nahrungsmittel zu sammeln, zu transportieren und zu verarbeiten oder Babys zu tragen – Erfindungen von Frauen gewesen sind. Die Evolutionstheorie schließlich betrachtet die menschliche Evolution nicht länger als einen Prozess, der spurlos an den Frauen vorübergegangen ist, weil ihn angeblich allein Männer jagend und kämpfend vorangetrieben haben.
Bedeutet das, dass es alternative weibliche oder feministische Naturwissenschaften schon gibt oder jemals geben könnte? Nein, ganz und gar nicht – sagt die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger. Es bedeutet nur, dass der Feminismus aufgedeckt hat, in welchem Maße überkommene Geschlechterstereotypen die Konstruktion und Interpretation der Forschungsobjekte bestimmt haben und immer (noch) bestimmen. Aber eine neue Art der Naturwissenschaft kann der Feminismus schon deshalb nicht begründen, weil es ewig-weibliche Werte, Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen nicht gibt. Nach wie vor haben Naturwissenschaftlerinnen in den Disziplinen die geringsten Karrierechancen, die als die männlichsten gelten, weil sie am meisten mit Mathematik zu tun haben. Aber der Fortschritt geht oft seltsame Wege. Wo gibt es gegenwärtig den höchsten Anteil an C4-Professorinnen (21,5 %) und an Naturwissenschaftlerinnen (32 %)? Es ist ausgerechnet die Türkei.
Londa Schiebinger kann zwar nicht mit bahnbrechend neuen Erkenntnissen aufwarten. Aber dafür liefert sie eine souveräne Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes, die vor allem eines verdeutlicht: Die Naturwissenschaften sind nicht geschlechtsneutral, und dennoch hat die Wahrheit kein Geschlecht. F. U.

Schiebinger, Londa: Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft? München: C. H. Beck, 2000. 325 S., DM 39,90 / sFr 37,- / öS 291,-

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