Über die Zusammenhänge zwischen Nahrungsmittelknappheit und Konflikt

Der australische Wissenschaftsautor Julian Cribb hat mit Food or War ein sehr eindringliches und äußerst gut recherchiertes Buch über die Zusammenhänge zwischen Nahrungsmittelknappheit und Konflikt vorgelegt. Ziel des Buches ist es, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eine gesicherte und nachhaltige Versorgung aller Menschen mit Lebensmitteln an der Kippe steht und damit auch der globale Frieden.

Wie ein „roter Faden“ zeigt sich laut Cribb, dass Hunger und Krieg in der Geschichte immer eng miteinander verbunden waren und ganze Reiche durch Hungerkrisen im Kriegschaos untergingen. Cribb betont auch, dass Hunger auch innerhalb von Konflikten eine der Hauptrollen für menschliche Verluste spielt: „Of the 200+ million people who have perished in wars between nation states since the 1850s, it is estimated that over half – 105 million – have died of hunger. This makes food by far the deadliest of all the weapons deployed by governments, against their own people or others.“ (S. 19) Die Kriege in Syrien und Jemen sind nur die jüngsten Beispiele, wo Hunger einerseits kriegsauslösend war, andererseits als Kriegswaffe eingesetzt wird.

Das größte Problem ist die industrielle Landwirtschaft

Ein großes Problem in der aktuellen Krisenanfälligkeit unseres Nahrungsmittelsystems ist die industrielle Landwirtschaft: Diese hat zwar lange Zeit Nahrungsmittel für eine nie dagewesene Zahl an Menschen gesichert, doch kommt dieses System an seine Grenzen: Zum einen, weil es selbst den Klimawandel befeuert. Zum anderen, weil es auf den massiven Einsatz von Chemikalien baut, die mittlerweile eine verheerende Ökobilanz aufweisen und die menschliche Gesundheit bedrohen. Zum Dritten, weil die intensive Landwirtschaft durch die Zerstörung natürlicher Habitate für Viehmast und durch die Beeinträchtigung genetischer Diversität durch Monokulturen zu einem beispiellosen Massensterben beigetragen hat. Um umweltbedingte Einbrüche in der Nahrungsmittelproduktion zu vermeiden, müssen vor allem Kleinbauern gestärkt werden durch Subventionen oder höhere Bezahlung: „Paying farmers too little for their produce, in order to offer consumers food at way below its true cost of production, is degrading soil on a global scale, extinguishing wildlife, poisoning rivers and oceans, exploiting, evicting and even killing farmers (many of whom commit suicide, at rates far higher than city people), releasing far too much carbon for the safety of humanity and ruining consumers‘ health with toxins and an utterly devidient diet of industriall processed foods with added  chemicals.“ (S. 115)

Dazu braucht es öffentliche Aufklärung über gesunde Ernährung und bewussten Konsum sowie ein kluges Steuer- und Regulierungssystem, um eine neue Generation von Landwirtinnen zu ermutigen, neue Formen der Landwirtschaft umzusetzen, wie Öko-Landwirtschaft oder Permakulturen.

Wie verletzlich unsere Zivilisation mit Blick auf Nahrungsmittelsicherheit geworden ist, zeigt sich vor allem in der schnell voranschreitenden Urbanisierung: Das rasante Wachsen von Megacities stellt die Welternährung vor neue Herausforderungen, kann doch keine der riesigen Megastädte sich selbst ernähren. „Urban farming“ könnte hier zu einer besseren Versorgungssicherheit beitragen. Tatsächlich gibt es einige vielversprechende Versuche, doch ist man weit davon entfernt, Städte ernährungssicher zu machen.

Wie kann Krieg aufgrund von Hunger in Zukunft vermieden werden?

Das Buch schließt mit konkreten Empfehlungen, wie Kriege aufgrund von Hunger in Zukunft vermieden werden sollen: Ein nachhaltiges, widerstandsfähiges Nahrungssystem, welches auf Urban Farming, Aqua-Farming und auf ökologische Landwirtschaft baut; Städte, welche krisenfit gedacht und geplant werden; eine Um­verteilung von finanziellen Mitteln von Verteidigungs- zu Landwirtschaftsbudgets; strenger Schutz bzw. Wiederaufbau von natürlichen Habitaten; Bildung – vor allem für Kinder; Stärkung von Frauen.

Das Buch ist bestens recherchiert – kaum eine aktuelle Studie einer renommierten Institution, die Cribbs nicht zitiert. Gleichzeitig sind viele Einschätzungen des Autors vor allem mit Blick auf die weitere Entwicklung von Konfliktherden pessimistisch. Als besonders wichtig wird die Rolle des Individuums erachtet, vor allem der Konsumenten, die mit ethischen Kaufentscheidungen auf das System Einfluss nehmen könnten. Hier findet sich Cribbs in der Tradition vieler anglo-sächsischer Autoren in diesem Themenbereich, die an die verändernde Macht der Einzelnen glauben, vor allem wenn man auf eine umfassende Bildungsoffensive setzt. Ausgeblendet bleiben all jene, die nicht die nötigen Informationen für fundierte Entscheidungen erhalten, jene, für die Ethik beim Essen kein Thema ist. Ethischer Konsum allein wird den Weltfrieden durch Ernährungssicherheit nicht garantieren können.

Von Birgit Bahtić-Kunrath

Julian Cribb: Food or War. Cambridge University Press, Cambridge 2019; 336 S.

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