Festung Europa

Empörung macht sich breit angesichts der Bilder von untauglichen Booten in stürmischer See, in denen sich Menschen ins „gelobte Land“ Europa aufmachen. Wütend ist auch der Verfasser dieser Schrift, der nach überzeugenden Argumenten sucht für eine Politik der Zukunft, in der die „Festung Europa“ keinen Platz mehr hat. Beschämend sei der Umstand, so der Autor und Literat Wolfgang Maria Siegmund, wie sich Europa „mit einer Mauer der Abwehr vor seinen südlichen Ideenspendern, seinen Nachbarn verschließt“ (S. 11) Diese Abwehr, so sein Argument, laufe im Moment auf höchsten Touren, „ aber somit auch die moralische Gefahr für den Westen, im Schatten der untergehenden Sonne die eigenen Werte gleich mit zu begraben“ (S. 12). Der französische Philosoph Albert Camus hat schon vor Jahren davor gewarnt, dass ohne den notwendigen Austausch von Licht und Schatten, des Eigenen mit dem Andern und dabei immer Nemesis, die Göttin des Maßes im Blickpunkt“ eine ethische Verwüstung auf uns zukäme. (S. 12) Das sollten auch die Schweizer bedenken, wenn sie der Abschottung Tür und Tor öffnen.

Die Reise beginnt

Auf der Suche nach einer neuen „Mittelmeerischen Ethik“ hat der Autor neben Albert Camus auch Denker und Philosophen wie Jacques Derrida und Emmanuel Lévinas sowie Giorgio Agamben, den vehementen Kritiker des heutigen Europa, auf ein imaginäres Schiff gebeten, um auf einer Zeitreise zu den Anfängen des Abendlandes, Ideen und Philosophien für eine neue Gerechtigkeit zu diskutieren. Während dieser Reise zu den Gestaden des Mittelmeeres ist nicht nur eine Art Reisebericht mit eigenen Erlebnissen des Autors entstanden, sondern ein überaus gelungener Mix aus philosophischem Essay mit literarischen Bezügen und geschichtlichen Fakten gegen eine denkfaule Duldung von Ausgrenzung und Abschirmung. Rundum ein Lesegenuss, der zur Selbstreflexion anregt.

Der Autor erzählt von seiner ersten Reise nach Nordafrika als Besitzer eines Interrailtickets und von jener irritierenden Energie, die bei seiner Ankunft in seinen weiß-müden europäischen Bauch floss. Zudem hält er fest, damals auch nur das wahrgenommen zu haben, was er zu Hause darüber gelesen hatte. „Ich wusste nicht, dass ein festgelegtes, starres Bild vom Anderen mit mir auf Reisen ging. Mit allen Vorurteilen, mit allen Klischees.“ (S. 19) Noch Jahre später beklagt der Autor, nichts gesehen zu haben, als er damals „mit jugendlicher Unbekümmertheit über ein kommendes Grab spazieren fuhr. (Die Dunkelziffer spricht bereits von weit mehr als 15000 toten Migranten.)“ (S. 22).

Einer der Mitreisenden auf dem imaginären Philosophenschiff, Jacques Derrida, warnt in einer seiner Schriften vor dem Gespenst des Anti-Humanismus in Europa, jenem Europa, in dem die Küstenwache Spaniens ihre Nachtsichtgeräte nicht mehr vom Auge nimmt, „wenn sie längs der neuen europäischen DDR auf Patrouillenfahrt geht“ (S. 40).

Philosophie der Gerechtigkeit

Siegmund konstruiert alsdann skurrile Zwiegespräche der Philosophen, erzählt von ihren unerfüllbaren Visionen, von Geschichten aus einer anderen Zeit und Welt, indem er aus deren Schriften zitiert und entdeckt ganz nebenbei Ideen und Argumente für eine neue Gerechtigkeit. Selbstverständlich erfahren wir auch einiges zu den Biografien der „Schiffsbesatzung“ und zur Geografie des Mittelmeerraumes. Manchmal erinnert sich der Autor selbst an längst vergangene Zeiten: an die Arbeiteraufstände von 1871, an die Algeriendemonstrationen von 1961 und er stellt dabei immer wieder der Bezug zur Gegenwart her, etwa zu den Tumulten in den Vororten von Paris. „Bei diesem Gewaltausbruch in den ‚Vorstädten‘ sind keine Bürgerkinder am Werk, die im legendären Mai 68 so tonangebend waren. Für diese Jugend ohne Zukunft steht kein Sartre mit der Sprechtüte solidarisch am Fass.“ (S. 66) Oder, kommt der Verfasser ins Sinnieren, sind die brennenden Autos gar die unbewussten Feuerzeichen für all jene, die die „Herz-Enge von Gibraltar“ nie überwinden konnten?

Aus seinem Werk „Ausnahmezustand“ wird der italienische Philosoph Giorgo Agamben zitiert mit der Aussage, dass sich Europa seit den Tagen der Weltkriege immer mehr dem Ausnahmezustand angenähert habe: „Angesichts der unaufhaltsamen Steigerung dessen, was als ‚weltweiter Bürgerkrieg‘ bestimmt worden ist, erweist sich der Ausnahmezustand in der Politik der Gegenwart immer mehr als das herrschende Paradigma des Regierens.“ (zit. nach S. 55) Und weiter heißt es: „Denn keine Ethik darf sich anmaßen, einen Teil des Menschlichen auszuschließen, so unangenehm und schwer es auch sein mag, ihn anzuschauen.“ (S. 57)

Auf der Suche nach einer Meeresethik werden hier vier Philosophen mit teils starken Argumenten ins Rennen geschickt. Sogar die Sonne als die früheste Verfasserin einer mittelmeerischen Ethik wird als Argument genannt. Ihr Weg erstreckt sich bekanntlich vom Orient zum Okzident. „Sie, der flimmernde Kategorische Imperativ, der tagtäglich über uns erscheint: für alle, die hier wohnen. Sei es als Flüchtling, als Nomade, als sesshafter Bürger der Polis. Das Gute wanderte mit uns mit, diese Idee folgte treu unserem Schatten.“ (S. 87) Gewarnt sei aber vor dem längeren Betrachten des Höchsten Guten, das führt nämlich in die menschliche Blindheit. Alfred Auer 

Siegmund, Wolfgang Maria: Schäm dich, Europa. Meer-Ethik in Anbetracht der Herzenge von Gibraltar Wien: Styria premium, 2013.  157 S., € [D] ; ISBN 978-3-222-13383-1

 

 

 

ZITAT

„Kann nicht irgendwann eine Ethik im Kommen sein, die sich bewegt, die mit Außenbürgern Fuß an Fuß, Hand in  Hand flüchtet, läuft, die sich nicht fortstiehlt, sondern bei ihm, beim Letzten bleibt?“ (S. 23)

 

 

 

ZITAT: „Kloake, versteppte Unterwelt. Ich tauche ein in den fast leer gefischten Raum unseres abendländischen Denkens. Schicht um Schicht wühle ich mich hindurch, die platt gefahrenen Reifen unserer alles überholenden Zeit zur Seite schiebend. Und immer tiefer. Fische in Stäbchengestalt ziehen bereits paniert und in Plastiksäcken verpackt an mir vorüber, und ich muss mir eingestehen, die Modernisierung der Unterwelt ist voll im Gange.“ (S. 74)

 

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