Fehldiagnose Globalisierung, Neuverteilung des Wohlstands

Die ökonomische Ungleichheit zwischen den Nationen sei sehr jungen Datums, nämlich ein Ergebnis der letzten 200 Jahre. Und dies werde sich nun wieder ändern. Denn die reichen Länder müßten “ertragen lernen, was sie selbst in die Welt gesetzt haben: das Gesetz der Marktwirtschaft” (S.53). Daniel Cohen, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Sorbonne in Paris, hält den Abbau der ungleichen Einkommensverteilung in der Welt für die “große Hoffnung des 21. Jahrhunderts” (S. 50), die Vorteile, die der Westen aus der industriellen Revolution zog, hätten nur solange Bestand gehabt wie die anderen Kulturräume brauchten, um mit ihm gleichzuziehen. Als Vorbild sieht der Ökonom die aufstrebenden ostasiatischen Volkswirtschaften. (Daß Afrika von dieser Entwicklung weitgehend ausgeschlossen bleibt hängt für Cohen vor allem mit internen Faktoren zusammen, nämlich mit der Ausbeutung der Frauen durch die Männer und jener des Landes durch die Stadt, verschärft durch allseits korrupte Eliten.)

Für verkehrt hält Cohen den Versuch, die gegenwärtigen sozialen Probleme, allen voran die zunehmende Arbeitslosigkeit, in den westlichen Ländern der Globalisierung in die Schuhe zu schieben. Gemäß dem Gesetz der komparativen Kostenvorteile würden viele Produktionsbereiche mit niedrigeren Qualifikationserfordernissen in die sich industrialisierenden Länder des Südens ausgelagert, dafür steige aber die Nachfrage nach hochqualifizierten Tätigkeiten. Das zunehmende Auseinanderklaffen der Einkommen, die Pauperisierung mancher Bevölkerungsgruppen sowie die steigende Konkurrenz und Flexibilisierung in der Arbeitswelt (für Cohen das eigentliche Merkmal des Abschieds vom Fordismus) hänge somit mit der dritten industriellen Revolution, und nicht mit der Globalisierung zusammen. Die Politik sei aufgrund der hohen Haushaltsdefizite in eine gefährliche Abhängigkeit von den Konjunkturverläufen geraten und daher gelähmt sozialpolitisch entgegenzusteuern. Zudem fehle weithin der politische Wille zu steuernden Maßnahmen. “Offenkundig lassen sich mit einer ,Steuersenkung’ eher Wahlen gewinnen  als mit zusätzlichen Umverteilungsprojekten.” (S. 161) 

Der Wirtschaftswissenschafter hält nichts vom Marktradikalismus, meint aber auch, daß die Zeit keynesianischer Steuerung der Wirtschaft durch die Politik vorbei ist. Er plädiert dafür, daß der Staat sich auf die Aufgabe der Armutsbekämpfung konzentrieren solle und schlägt hierfür die Einführung eines Grundeinkommens in der Gestalt der “negativen Einkommenssteuer” vor. Die vom Strom der Globalisierungskritiker abweichende Sichtweise des Autors ist durchaus interessant daß der Ökonom ökologische Fragen wie globale Nachhaltigkeit jedoch zur Gänze ausspart, stimmt bedenklich.

H.H. 

Cohen, Daniel: Fehldiagnose Globalisierung. Die Neuverteilung des Wohlstands nach der dritten industriellen Revolution. Frankfurt/M. (u.a.): Campus, 1998. 206 S.; DM 36,- I sFr 35,- löS 263,-

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