Falsche Verheißung – globaler Kapitalismus und die Folgen

Daß aus einem Saulus ein Paulus wird, ist in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und dramatischer Umbrüche nicht selten. Doch der Fall des heute an der London School of Economics lehrenden John Gray ist ungewöhnlich. In den frühen 80er Jahren noch der Chefideologe Maggie Thatchers und einer der vehementesten Verfechter des Neoliberalismus, stellt Gray mittlerweile das neoliberale Projekt der Entfesselung aller Marktkräfte radikal in Frage.

Gemäß dem Credo des Neoliberalismus haben Märkte die segensreiche Eigenschaft, sich selbst erzeugen und sich selbst regulieren zu können. Da alle künstlichen Eingriffe in das Marktgeschehen zur Behinderung oder gar Lähmung der Marktkräfte führen, müssen sie sich früher oder später schädlich auswirken. Je mehr aber die Marktkräfte entfesselt werden, desto mehr wird der allgemeine Wohlstand wachsen, usw., usf.

Gray fällt es nicht schwer, diese schöne Konstruktion, an der so gut wie nichts stimmt, aus den Angeln zu heben.

Der Grundirrtum des Neoliberalismus besteht (nicht nur) s. E. darin, reglementierte Märkte als synthetische, allein durch staatliche Macht installierte und aufrechterhaltene Gebilde aufzufassen. In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt. Normalerweise sind Märkte in Netzwerke gesellschaftlicher Institutionen eingebunden und werden durch intermediäre Instanzen, Regelwerke und stillschweigende Übereinkünfte im Zaum gehalten. Die Installierung eines Laissez-faire-Kapitalismus ist deshalb nicht möglich ohne den rücksichtslosen Machteinsatz eines zentralisierten Staatsapparats, der das ungehinderte Spiel der Marktkräfte gewaltsam erzwingt. Zur Errichtung eines schrankenlosen Laissez-faire-Kapitalismus kommt es erst im 19. Jahrhundert, und sie bleibt zunächst auf den angelsächsischen Raum beschränkt. Nur dort waren die sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen (v.a. das Fehlen von Großgrundbesitz und eine tiefverwurzelte Mentalität eines agrarischen Besitzindividualismus) für das Experiment der völligen Deregulierung aller Arbeits- und Kapitalmärkte gegeben; und nur hier waren die Regierungen mächtig genug, ihre rigorose Deregulierungspolitik gegen alle Widerstände duchzusetzen.

Nach Gray wird heute der verhängnisvolle Fehler begangen, dieses kläglich gescheiterte Experiment zu wiederholen – diesmal auf nationaler und globaler Ebene. Heute versuchen transnationale Organisationen wie die Weltbank, der IWF, die WTO oder die OECD mit allen Mitteln die Werte der angelsächsischen Zivilisation in jedem Winkel der Welt durchzusetzen – ohne jede Rücksicht auf die sozialen Kosten und ohne jede Rücksicht auf die kulturellen, politischen und sozioökonomischen Besonderheiten der einzelnen Länder. Des Autors Fazit: Unreglementierte Märkte sind mit demokratischen Strukturen unvereinbar.

John Gray hat ein provokatives und ketzerisches Buch geschrieben, das den neoliberalen Fundamentalismus nach allen Regeln der Kunst demontiert. Ein linkes Buch? Nein. Hier schreibt ein wertkonservativer Ordoliberaler, der häufig in dieselbe Kerbe haut, wie Jan Roß in seinem Buch “Staatsfeinde”. Schade nur daß dem trefflichen Anlytiker auf die Frage “Was tun?” leider nicht viel einfällt. Immerhin schlägt er vor, in den Weltmarkt mit globalen Steuerungsinstrumenten einzugreifen und ihn durch ein umfassendes Normensystem zu bändigen. Trotzdem ein exzellentes Buch.

F. U.
Gray, John: Die falsche Verheißung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen. Berlin: Fest, 1999. 336 S.

 

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