Europas alternde Gesellschaft

Die rückblickend beschauliche Metapher vom “alten Europa” dürfte schon in naher Zukunft zur gesellschaftspolitischen Herausforderung von höchster Brisanz werden. Waren 1950 weltweit nicht mehr als 5 1% der Menschen 65 oder älter, so wird im Jahr 2025 jeder vierte Bewohner Europas diese Grenze· überschritten haben. Allein zwischen 1950 und 1980 ist die Zahl der Alten um 42% angewachsen. Die Studie korrigiert damit u.a. Berechnungen der Vereinten Nationen, in denen davon ausgegangen wird, daß die Überalterung durch ein Anwachsen der Geburtenrate gemindert werden könnte.

Über die durch Graphiken und Tabellen ausgezeichnet aufbereitete demographische Analyse hinaus sind vor allem die sozialpolitischen Empfehlungen von Interesse. Da sich das zeitliche Ausmaß von bezahlter Berufsarbeit und freigestellter Existenz auf eine Größenordnung von 2: 1 hinbewegt, ältere Menschen aber immer länger aktiv und leistungsfähig sind, sollte die Dauer der Erwerbsarbeit nicht allein vom Alter bestimmt werden. Teilzeitarbeit und ein lebenslanger Wechsel zwischen (Aus)Bildungs-, Arbeits- und Freizeitphasen sind anzustreben. Im Sinne eines geregelten Zusammenspiels von Kontinuität und Neuerung sollten vor allem auch Wirtschaftsunternehmen auf die Erfahrung älterer Arbeitnehmer zurückgreifen. Den Lebensgewohnheiten und -kosten, dem Aufwand für die medizinische Versorgung sowie dem zunehmend ungünstigen Verhältnis der Generationen zueinander sind weitere Abschnitte gewidmet. Die Sicherung des Generationenvertrags wird davon abhängen, ob es gelingt, Bedingungen und Zwecke des wirtschaftlichen Wohlstands neu zu definieren und diesen solidarisch zu verteilen. Der Anhang bringt einen kurzen Blick auf demographische Probleme Japans und deutet in fünf Szenarien an, welchen Weg die Entwicklung in Europa bis zum Jahr 2025 nehmen könnte: Im besten Fall werden ältere Menschen genügend Zeit und Mittel haben, Teil einer dynamischen Gesellschaft zu sein; im schlimmsten Fall aber wäre auch ein Krieg zwischen den Generationen denkbar, in welchem jede Seite ihre Wünsche einfordert. Ein “sharing scenario” und ein Modell einer” Dualwirtschaft”, in welcher sich ein ökonomisch wertschöpfender und, ein sozial kreativer Bereich gegenüberstehen, werden angedeutet, aber im, einzelnen leider nicht ausgeführt.

Jouvenel, Hugues de: Europe’s Ageing Population. Trends and Challenges to 2025. Ed.: Futuribles International. Guildford: Butterworth, 1989. 54 S. (Sondernummer der Zeitschriften futuribles u. FUTURES)

 

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