Europa – Mythos und Heimat.

Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der Teilungen. Seit den Zeiten des römischen Limes hat sich Europa durch Grenzen definiert (O. Höffe, S. 25). Insofern, so meint der Philosoph, ist weltpolitsch gesehen Europa heute eine Erfolgsgeschichte, weil nunmehr seine Grenzen weitgehend aufgehoben sind. Anders sieht es aus mit der Einstellung der BürgerInnen, wie das Ergebnis der Referenden in Frankreich und den Niederlanden gezeigt. Die Menschen müss(t)en nachvollziehen können, was den ‚Mehrwert’ einer europäischen Identität ausmacht. Erst wenn Europa besondere Gefühle mobilisiert und Gefühle des gemeinsamen Erlebens erzeugt, kann auch über Identität gesprochen werden, stellen eingangs die Herausgeber dieses Bandes, der auf Vorträge anlässlich des „future : lab – Zukunftssymposium 2005“ zurückgeht, fest.

Ist Europa in einer Welt globalisierter Ungleichgewichte nur noch eine rhetorische Größe, eine geographische Fiktion, so wie es einmal eine Kopfgeburt der Humanisten war, fragt Adolf Muschg auf der Suche nach der Essenz dessen, was Europa im Innersten zusammenhält. „Der Schlüssel zu Europa, einem gastlichen, gesellschafts- und zukunftsfähigen Europa, aber liegt nicht in Brüssel, sondern im persönlichen Haushalt jedes Einzelnen“ (S. 68), meint xy Name. Die Anerkennung des Andern ist nämlich auch an den „unerschrockenen, passionierten und humorvollen Blick auf die Mehrsinnigkeit der eigenen Identität“ gebunden.

Europa ist offenkundig bisher kein Raum, der als Heimat erfahren und kulturell angeeignet wird (Tobias Gohlis, S. 140), und ob das letztlich gelingt, hängt u. a. davon ab, ob partikulare örtliche und regionale Initiativen Europa als Bestandteil eines großen Projekts begreifen können. „Voraussetzung dafür ist allerdings ein Verständnis Europas als ein Europa der Vielfalt, das den Uniformierungshobeln einer falsch ökonomisch verstandenen Globalisierung widersteht.“ (S. 140)

Nicht erst seit dem gescheiterten Verfassungsreferendum zeigt sich, dass Europa im Zuge des weiteren Ausbaus ganz offensichtlich nach anderen inhaltlichen Füllungen „als nur politisch-programmatischen, verfassungsrechtlichen und bürokratischen“ verlangt, meint Wolfgang Kaschuba. Es bedürfe vielmehr neuer ideologischer Stoffe der Sinngebung und Legitimation, die in der Lage sind, die europäischen Strukturen und Überbauten abzustützen und letztlich mit Bedeutung (Geschichte, Tradition, Kultur) zu füllen. Neben diesen geopolitischen Facetten umfasst der Diskurs um die europäische Identität weitere Aspekte wie Sprache, Religion, Medien, Kunst und Film, die ebenfalls in dem vorliegenden Band angesprochen werden. Mit Blick auf das Verhältnis zwischen Regionalentwicklung und der Entstehung von Identitätsvorstellungen hält Wolfgang Kaschuba den Prozess selbst für entscheidend, denn nur aus diesem Bemühen entstünden Identifikation und Identität. Daran hat Europa noch zu arbeiten. A. A.

Europa – Mythos und Heimat. Identität aus Kultur und Geschichte(n). Hrsg. v. Klaus Kufeld. Freiburg (u. a.): Alber, 2006. 192 S., € 17,- [D], 17,50 [A], sFr 30,20

ISBN 3-495-48202-4 xy

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