Essen in Europa

Die Gemeinsame Agrarpolitik stellt das Herzstück des europäischen Einigungsprozesses dar. Diese wird uns gegenwärtig als tragisch-skurriles Schauspiel gewissermaßen „erste Reihe fußfrei“ präsentiert. Geld, so scheint es, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, denn auf dem Feld der Agrokultur werden die Schlachten geschlagen, in denen über globale Beteiligungen, nationale Befindlichkeiten und regionale Identitäten gestritten und entschieden wird.

Der hier angezeigte Band, der auf das Projekt „Emagined Europeans“ aus den Jahren 2006 und 2009 zurückgeht und vom BMWF in Deutschland gefördert wurde, widmet sich dem Prozess der Europäisierung aus der Perspektive der Lebensmittelpolitik. Vor- und zur Diskussion gestellt werden dabei Konzepte klassischer Ernährungswissenschaft ebenso wie Management-Strategien, die darauf abzielen, Transparenz „from the farm to the fork“ zu vermitteln, um damit nichts weniger als „durchgehende Lebensmittelsicherheit zu garantieren“. (vgl. S. 10)

Die Diskrepanz zwischen (der Illusion) totaler Sicherheit und regionaler Autonomie wird u. a. anhand der Weinklassifikation in Frankreich oder des „Steirischen Kernöls“ dargestellt, das, weil es Produzenten so wollen und Gesetzgeber erlauben, gut und gerne auch aus angrenzenden Bundesländern stammen kann.

Dass der Blick auf die „richtige Ernährung“ immer auch historisch bedingt ist, legt Ulrike Thoms mit ihrem Blick auf die Geschichte des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung dar.

Von besonderer, zum Erscheinen dieser Publikation nicht absehbarer Aktualität sind Christiane Bischofs Ausführungen über „ Epidemiologische Räume der Wissensproduktion in Europa“, in denen es, einfacher formuliert, unter anderem um die Frage geht, welche Gesundheitsrisiken sich im Zusammenhang mit Ernährungsverhalten und Lebensstil erkennen lassen. In der Tradition Foucaults wird dabei auch die Rolle von Macht und Beziehungsnetzwerken thematisiert.

Hannah Landecker legt schließlich überzeugend dar, dass die Frage, „wie Nahrung produziert, technisch gestaltet, konsumiert, beschrieben, vermarktet und erforscht wird, heute in einem tief greifenden Wandel begriffen ist“ (S. 135). Die Autorin analysiert dabei Voraussetzungen und Folgen des „energetischen Denkens“ und konstatiert die Tendenz zur „Molekularsierung der Nahrung“. Hier geraten, vor allem an Experten adressiert, Perspektiven der Nahrungsentwicklung in den Blick, wenig beruhigend, aber umso wichtiger. W. Sp.

Essen in Europa. Kulturelle ‚Rückstände’ in Nahrung und Körper. Hrsg. v. Susanne Bauer … Bielefeld: transkript-Verl., 2010. 194 S., € 24,80 [D], 25,50 [A], sFr 43,40

ISBN 978-3-8376-1394-0

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