Ernste Fragen

Erwin Chargaff, seit Jahren ein genauer und kritischer Beobachter des Wissenschaftsbetriebes, liefert mit der vorgelegten Sammlung die bearbeitete Übersetzung eines vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten erschienen Buches. Es handelt sich dabei um überaus kurzweilige, zuweilen auch zynische Beiträge zu nach wie vor aktuellen, aber auch geschichtlichen Themen, die als kurze Essays zu alphabetisch geordneten Stich- oder Schlagwörtern aneinander gereiht sind.

Beispielsweise beschäftigt sich Chargaff  mit „Amateuren“ (die sich „vor dem enormen Hintergrundgeräusch unserer Epoche“ nicht Gehör verschaffen können); mit dem „Holocaust“, mit „Dekadenz“ oder „Demokratie“ sowie mit dem „Geschlechtsleben der Grammatik“, mit „Natur“, „Schönheit“ und „Tod“.

In „Schwindel, in den Wissenschaften und anderswo“ geht es um die Gründe für alle möglichen Arten intellektuellen Schwindels, die da wären Habgier, Macht, Sehnsucht nach Ruhm, Bosheit, um nur einige zu nennen. Insbesondere sieht der streitbare Biochemiker in der Überspezialisierung Hauptgründe für die zunehmende Häufigkeit wissenschaftlicher Fragwürdigkeiten und Entgleisungen. Die Entfremdung durch das ungeheure Anwachsen wissenschaftlicher Erekenntnisse, die „außerordentliche Fettleibigkeit des Wissenschaftsapparates in unserer Zeit“, verhindert, so Chargaff, die Selbstkorrektur der Wissenschaft.

Überhaupt steht bei Chargaff die Kritik am Wissenschaftsbetrieb (vgl. dazu Pro Zukunft 4/98*467), aber auch die s. E. unausweichliche ökologische Katastrophe im Vordergrund der sprachgewaltig vorgetragenen Beiträge. „Wir haben noch nicht einmal gelernt, dass der Weg zur ökologischen Hölle mit den optimistischen Vorhersagen anerkannter Fachleute gepflastert ist.“ (S. 242) Ebenso beschäftigt ihn aber die menschliche Befindlichkeit am Ende des Jahrhunderts, wenn er meint, dass „zu keinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte die Menschen, glaube ich, so sehr geneigt (waren), Scheinbequemlichkeiten für unverzichtbar zu halten, von deren bloßer Möglichkeit sie noch zwei Jahre zuvor keine Ahnung hatten“ (S. 239f.). Chargaff beklagt zu Recht auch den Umstand, dass es keine Zeit mehr gibt abzuwägen, ob Neuerungen vernünftig sind und sich langsam auf sie einzustellen. Überhaupt seien die „Wissenschaftler ein heuchlerischer Haufen“, die einerseits „Direktorenposten in Firmen zur Ausbeutung von gentechnischen Möglichkeiten“ übernehmen, gleichzeitig an der Börse spekulieren, „die Hand für Industriemillionen“ aufhalten und „an allen Praktiken des korrupten Marktes“ teilnehmen (S. 214). Diese kleinen Kostproben aus der Feder des geistreichen, provokanten Autors sollten durchaus als Anregung zur ausführlicheren Lektüre verstanden werden. Sie werden es nicht bereuen. A. A.

Chargaff, Erwin: Ernste Fragen. Essays. Stuttgart: Klett-Cotta, 2000. 288 S., DM 38,- / sFr 36,60 / öS 277,-

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