Entkopplung von Arbeit und Einkommen

Georg Vobruba zählt zu den besten Kennern des Diskurses um die Einführung eines Grundeinkommens in Deutschland. Seit mehr als 25 Jahren hat der an der Universität Leipzig tätige Soziologe die Debatten mit verfolgt und entscheidend mit geprägt. In dem hier angezeigten Band sind insgesamt 11 Beiträge versammelt, die, entstanden etwa zwischen 1975 und 2005 unterschiedliche Aspekte der Krise der Arbeitsgesellschaft und Vorschläge zu deren Überwindung erörtern, und doch – so der Autor im Vorwort – drei Konstanten aufweisen: Erstens: Vollbeschäftigung ist im Kapitalismus unwahrscheinlich und nicht wieder zu erwarten. Zweitens: Arbeit ist – anders als etwa Orangen – in ihrem Kern keine (nur) den Gesetzen des Marktes zu unterwerfende Ware. Drittens: Nicht weitere normative Postulate, sondern empirische Analysen sozialer Entwicklungen sind erforderlich, um dem Projekt eines Grundeinkommens zum Durchbruch zu verhelfen. Im Folgenden einige zentrale Aspekte der Argumentation:

Schon zu Mitte der 70er-Jahre wandte sich der Verfasser „wider die unheilige Allianz der Profit- und Beschäftigungsmaximierer“ und verwies darauf, dass Produktivitätsfortschritt outputseitig entweder durch zusätzlichen Konsum oder Investitionen, inputseitig durch Verminderung von Arbeitszeit oder Arbeitintensität zu begegnen sei. Dass „Rationalisierung zum dominanten Investitionstypus“ werden sollte (S. 17) und staatliche Interventionen im Sinne keynesianischer Wirtschaftpolitik keine tragfähigen Instrumente zur Garantie von Vollbeschäftigung darstellen, bedarf gegenwärtig keiner weiteren Argumentation, und bestätigt, nebenbei bemerkt, den antizipatorischen Charakter solider (Sozial-)Wissenschaft. „Die einseitige Propagierung der Beschaffung von Arbeitmöglichkeiten als beschäftigungspolitische Strategie […] läuft darauf hinaus, dass Produktion um der Beschäftigung willen ausgedehnt wird, und nicht Beschäftigung um der Produktion willen stattfindet“ (S. 22). Vobruba plädiert daher folgerichtig dafür, „die Notwendigkeit, Finanzierung und Verausgabung sozialstaatlicher Leistungen aus ihrer Arbeitszentriertheit zu lösen“ (S. 33). Der kultur- und strukturbedingte Wandel des Verhältnisses von „Arbeiten und Essen“ ist Thema eines weitren Textes, in dem der Verfasser die zunächst bedingte Verknüpfung der beiden bis hin zu deren Entkoppelung erläutert. Die Einführung eines Baiseinkommens (auf Grundlage der Negativsteuer finanziert) würde, so der Autor, als Ergänzung des traditionellen Arbeitsmarktes „eine gesellschaftspolitische Grenzüberschreitung von epochaler Bedeutung darstellen“ (S. 64). Beiträge zur historischen Genese der Idee des Basiseinkommens sowie zu „Wegen aus der Flexibilisierungsfalle“ sowie zur Klärung des Verhältnisses zwischen „Arbeit“ und „Markt“ münden u. a. in dem Vorschlag, durch die Einführung eines Grundeinkommens zwischen Kapitaleignern und Arbeitnehmern (zumindest ein Stück weit) „Waffengleichheit herzustellen“. In Anbetracht des Endes der „Vollbeschäftigungsgesellschaft“ spricht Vobruba von einer „doppelten Krise der Lohnarbeit“, da diese „quantitativ unzureichend und qualitativ unzulänglich“ sei (S. 119). Als „neue Normalität nach der Vollbeschäftigung“ seien immer mehr „Income Mixes“, Einkünfte aus Sozialleistungen, Erwerbseinkünften und sonstigen Zuwendungen zu konstatieren. Daher gelte es, die gegenwärtige Unvereinbarkeit von staatlichen Zuwendungen und Arbeitseinkommen so zu reformieren, dass „diese Entwicklung mehr Chancen als Gefahren birgt, und dass die Kombination unterschiedlicher Einkommensarten, die die Bürger längst praktizieren, legalisiert werden“ (S. 158). Dass bisher zwar eine Vielzahl triftiger Gründe für die Einführung eins Grundeinkommens auf dem Tisch liegen – genannt werden gesellschaftspolitische, ökonomische, und sozialpolitische Argumente (vgl. S. 176 – 178) –,aber bisher nicht ausreichten, um dieses auch umzusetzen, führt Vobruba auf ein „doppeltes Defizit“ zurück: „Zum einen verzichtet die Grundeinkommensdebatte auf die Untersuchung der vielfältigen Durchsetzungsbedingungen ihrer Vorschläge. Und insbesondere bringt sie sich um jede Möglichkeit der Diskussion darüber, in welcher Weise sich mit den Rahmenbedingungen für die Transfer- und Verteilungspolitik seit Mitte der Achtzigerjahre auch die Voraussetzungen für die Realisierbarkeit […] verändert haben. Und zum anderen verbaut sich die Diskussion damit jeden systematischen Zugang zur empirischen Gerechtigkeitsforschung.“ (S. 179) Man mag darüber streiten, ob die vehement vorgetragene Schelte einer kritischen Überprüfung standhält. Mit Sicherheit aber ist dem Vorschlag zu einem gründlicheren Blick auf die Praxis von Institutionen sowie auf Arbeits- und Einkommensstrategien, die als Etappen zur Realisierung eines Grundeinkommens zu sehen sind, viel abzugewinnen. W. Sp.

Vobruba, Georg: Entkopplung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft. Wiesbaden: VSA-Verlag f. Sozialwissenschaften, 2006. 211 S. € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,60 ISBN 3-531-14934-2

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