Hans Holzinger: Gute Arbeit, gibt es die noch?

„Kaum jemand würde heute von sich sagen: Ich tue gute Arbeit. Wenn ich mitteilen will, dass es mir nicht egal ist, womit ich meine Kröten verdiene, dann sage ich allenfalls: Ich möchte sinnvolle Arbeit tun. Aber in der Regel begnügt man sich mit der Feststellung: Ich habe einen guten Job, um die eigene Arbeitszufriedenheit zum Ausdruck zu bringen.“ (S. 45) So beschreibt Marianne Gronemeyer die Ambivalenz des modernen Arbeitslebens. „Wer arbeitet, sündigt“ – der Titel ihres neuen Buchs provoziert, heißt es doch in der Bibel vielmehr: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen – also sündigt. Der Untertitel führt freilich auf eine andere Spur. Es geht der Autorin um ein „Plädoyer für gute Arbeit“, und diese sei –  so die starke Ansage – nicht mehr am Markt zu finden.

Vier Befunde führt die Autorin für ihre Kritik an der modernen Arbeitswelt an: Zuallererst erzeuge diese immer mehr drop outs und gesellschaftlich Deklassierte. So gebe es in Deutschland bereits mehr als neun Millionen Menschen, die den Arbeitsanforderungen nicht mehr gewachsen sind. „Ihre Diagnose lautet in der Regel ‚Burn-out‘, ‚Ausgebrannt‘. Denn es ist allemal einfacher, die Menschen für krank zu erklären als die Arbeitsverhältnisse.“ (S. 16) Ein zweiter Befund sei beinahe noch beunruhigender: Im Zuge der Ökonomisierung aller Lebensbereiche habe sich eine „Monokultur des Effizienzdenkens“ (S. 14) ausgebreitet, das mittlerweile auch die Berufe des Lehrens, Sorgens oder Heilens erfasst habe. Drittens produziere professionelle Arbeit immer mehr Waren und Dienstleistungen, die uns – im Interesse des Profits von Konzernen – zu „hilflosen, abhängigen und entmündigten Konsumenten“ (S. 15) machen. Arbeit diene nicht mehr der Herstellung dessen, was gebraucht wird, „sondern produziert zunehmend, was nicht gebraucht wird, um diese Abhängigkeit aufrechtzuerhalten und zu steigern.“ (ebd.) Nicht zuletzt gehe die moderne Arbeitswelt einher mit der unwiederbringlichen „Ausweidung“ (S. 116) der Natur. Gute Arbeit wäre jedoch diejenige, bei der nicht ausgebeutet sondern etwas zurückgegeben  wird. Die Autorin spricht von „Boden gutmachen“ (S. 70), welches angesichts der ökologischen Verwüstungen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – angesagt sei.

Wie können Menschen trotz aller Widrigkeiten nun dennoch zur Erwerbsarbeit angehalten werden? Naheliegend sei die Notwendigkeit in der modernen Gesellschaft, Geld zu verdienen. Die „Lohnknechtschaft“ fungiert als „Ent-Schädigung“ (S. 122), so Gronemeyer pointiert. Dabei sei Geld an sich nicht das Problem, das ja auch der Handwerker genommen habe: „Die Fremdbestimmung seiner Arbeit entscheidet sich nicht daran, dass er etwas verkauft, sondern daran, was er verkauft.“ (S. 124) Jenseits des Lohnes geht es für Gronemeyer aber auch um den Wunsch, etwas zu tun. Denn: „Wir Menschen sind offenbar weder Nichtstuer noch Arbeitstiere, sondern beides, jedes zu seiner Zeit.“ (S. 119)

Bleibt die Frage nach dem Ausstieg aus dem Arbeitszwang. Während Ökonomen und PolitikerInnen sich mit Finanzkrisen und stagnierenden Wachstumszahlen herumschlagen, plädiert Gronemeyer für ein Sich-Entziehen:  „An eine Humanisierung der Arbeitswelt kann man, ohne sich selbst etwas in die Tasche zu lügen, kaum glauben. Zu fragen wäre vielmehr, ob man aus ihr ausscheren, ob man sich ihren Forderungen zeit- oder teilweise entziehen und durch anderweitige Tätigkeit seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte; ob es also ein Abseits der Arbeitswelt gibt oder geben könnte.“ (S. 16) Die Autorin verwehrt sich gegen Sozialromantik, verweist aber auf die Freiheitsräume jenseits des Geldkonsums: „Nicht jeder Penny, den wir nicht haben, aber jeder, den wir nicht brauchen, bedeutet einen winzigen Gewinn an Freiheit, während wir doch glauben sollen, dass viel Geld viel Freiheit einbringt.“ (S. 175) „Raus aus dem Markt, rein in die Nische“ (S. 164) sieht sie als Perspektive des Nicht-mehr-Mittuns.

Gronemeyers Plädoyer für „Desertion“ und die Hinwendung zu wirklich guter Arbeit ist radikal und ambivalent zugleich. Denn die Autorin gesteht freilich zu, dass es unterschiedliche Erwerbsarbeit gibt und es nicht gleichgültig ist, ob ich in einem Rüstungskonzern oder in einem Kindergarten arbeite. Sie verweist jedoch zu Recht auf die Gefahren, die im unhinterfragten Lob der Erwerbsarbeit liegen. Ihre Kritik findet Widerhall in den aktuellen Debatten über eine „Postwachstumswirtschaft“, in der Lebensqualität mit weniger materiellen Gütern als durchaus erstrebenswert erachtet wird. Erwerbsarbeit verliert darin nicht ihre Bedeutung, vielleicht jedoch ihre Pole-Position. Die vorliegenden Hinterfragungen liefern dazu einen wertvollen Beitrag und leiten nahtlos über zu weiteren Befunden dieser Ausgabe von Pro Zukunft, etwa den Revolutionen im arabischen Raum, die Demokratie und Wohlstand einfordern (Alfred Auer), den Befunden über „Peak Oil“ und den „Fallen des Erdölrausches“ (Holzinger) oder den Aussichten auf einen „Solarstaat“ (Walter Spielmann). Ob angesichts der sich mehrenden Krisen eine „radikale Wende“ (Stefan Wally) nötig sein wird bzw. wie die „Große Transformation“ (Holzinger) gelingen kann, bleibt (auch uns) als zentrale Frage erhalten. Dass nun auch jenes Land mit dem größten CO2-Ausstoß die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommt – 30 der 50 US-Bundesstaaten mussten Mitte August den Dürrenotstand ausrufen, mag diesen Wandel beschleunigen – oder auch nicht!

 

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht diesmal im Namen der Redaktion

Hans Holzinger

 

Gronemeyer, Marianne: Wer arbeitet, sündigt. Ein Plädoyer für gute Arbeit. Darstadt: Primus Verl., 2012. 208 S. € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 26,90; ISBN: 978-3-86312-001-6

Related Posts

Bregmann-Utopien-fuer-Realisten
Utopien für Realisten
Hillenkampf-negatve-moderne
Negative Moderne
Zukunft-der-Demokratie
Die Zukunft der Demokratie
Nautilus-Flugschrift-Unsichtbares-Komitee
Jetzt

Leave a Reply