Die Zukunft der Religionen

Don Cupitt studierte Theologie und Philosophie, konvertierte zum Christentum und war Priester der Anglikanischen Kirche. Heute ist er Direktor der Fakultät für Philosophie und Theologie in Cambridge und stellt in diesem schmalen Band interessante und wichtige Fragen nach der Zukunft der Religionen.
Er will „eine neue linguistische Theorie religiöser Praxis und religiöser Objekte“ vorstellen (S. 17), dies im Kontext der Postmoderne, der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, der Globalisierung und in einer klaren Option gegen Fundamentalismen jeder Provenienz.
Wie viele andere geht er davon aus, dass die großen Erzählungen, die großen Religionen an ihr Ende gekommen sind und dass Naturalismus schon längst die Metaphysik abgelöst hat. Trotzdem plädiert der Autor dafür, bestimmte Elemente der Religionen weiterhin zu gebrauchen. „Es gibt keine einzige große Wahrheit mehr, und es wird so etwas auch nie mehr geben. Jetzt ist es besser, ein kleines persönliches Repertoire verschiedener Wahrheiten, Wege und Ziele zu bewahren, die man nach Belieben nutzbar machen kann.“ (S. 115)
Diese Wahrheiten sind: (1) An Gott zu glauben und damit von dieser Perspektive her sich und die Welt zu bewerten, Gott wird im Bewusstsein ein idealer Standpunkt außerhalb des eigenen Selbst, der hilft, das Bewusstsein zu erhöhen, einem ein Gewissen verleiht und hilft, sich und andere unter moralischer Perspektive zu betrachten. (2) Die glückselige Leere: Meditation und kontemplatives Gebet als Entspannungsübungen, die von großem therapeutischen Wert sind z.B. in irrationalen Ängsten. (3) Solares Leben: Der einzelne Mensch ist Urheber von Sinn und Wert, der sich durch Selbstentäußerung und Selbstvergießen erzeugt. „Solare Ethik ist eine radikal gefühlsbetonte und expressionistische Deutung der Ethik Jesu.“ (S. 125) Diese Wahrheiten versteht Cupitt als „Tricks“, die helfen, das Leben zu lieben und gut zu leben, Religion wird so zum „Werkzeugkasten“, mit dem jeder „auf eklektische Weise neue Sinninhalte, Praktiken und Erzählungen“ schafft (S. 159).
Cupitt nimmt die Thesen der Religionskritik von Feuerbach und anderen auf und formuliert diese postmodern. Für jene, die aufgrund der Brüchigkeit und Pluralität der Welt in Fundamentalismen flüchten, stellt sein Ansatz wohl keine Alternative dar, für jene, die mit der Hypothese, dass Gott nicht tot ist, leben, bleibt er eine Provokation. Insgesamt ein Buch, das für das Leben im Hier und Jetzt plädiert und langes Nachdenken und ausführliche Diskussionen anregen kann. S. A.

Cupitt, Don: Nach Gott. Die Zukunft der Religionen. Stuttgart: Klett-Cotta, 2001. 175 S., ca. DM 32,- / sFr 29,50 / öS 230,-

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