Die Zukunft der Menschenrechte

Menschenrechte und Globalisierung sind große Begriffe: man könnte versucht sein, sie sprachlos zu bestaunen und dann in die sichere Rolle des kleinen Mannes oder der kleinen Frau zu schlüpfen, sich tot zu stellen und zu hoffen, dass es so schlimm auch nicht werden wird, im neuen Jahrtausend.

Johan Galtung bearbeitet sein Thema in einer sehr klaren, prägnanten und schelmischen Diktion; so will er das Jahr 2000 mehr voraus-, denn zurückblickend betrachten: Es braucht den aufgeschlossenen Geist, nicht nur den aufgerissenen Mund mit den Losungen und Formulierungen der Vergangenheit auf den Lippen. Galtung, der für seine Grundlagenarbeit in der Friedens- und Konfliktforschung 1987 mit dem Atlernativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, bereichert seine LeserInnen weniger mit akademischen Antworten als mit brisanten Thesen, in scheinbar harmlose Fragen gekleidet. Der Autor bringt seine Meinung bestimmt zum Ausdruck: Es genüge nicht, lediglich den bestehenden Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Und er provoziert auf hohem Niveau: Wenn es das Recht auf Arbeit gibt, gibt es dann auch das Recht, nicht zu arbeiten; wenn es das Recht auf Urlaub gibt, existiert ein Recht, diesen Urlaub nicht zu konsumieren? In dieser Darstellung haben private Rechte und Lebenslinien einen wichtigen Platz, ihnen folgen nationale Bezüge zu den Menschenrechten, um schließlich der Vision der WeltbürgerInnen gegenüber zu treten. Jedem Recht der WeltbürgerInnen stellt Galtung eine Pflicht an die Seite: „WeltbürgerInnen haben den Anspruch auf kulturelle Identität auf Basis alter … und neuer Inahlte … gleichzeitig haben sie die Pflicht, anderen im Dialog über kulturelle Inhalte, Sinngebungen und Identitäten mit Respekt zu begegnen.“ Ein ausführliches Kapitel zu „befriedendem Dialog“ widmet er dem Verhältnis von Christentum und Islam, weiters der Bedeutung der Familie, der Religionsgemeinschaften und der Sekten, die er als Heimat vieler Heimatloser benennt. Doch: wie kann ich aus einer Sekte auch wieder aussteigen, aus einer Familie, aus einer Gruppe? Johan Galtungs Darstellungen münden stets in der Zuversicht, herzlicher noch, in der Hoffnung, den Übergang vom kriegerischen 20. Jahrhundert zum friedlichen 21. Jahrhundert im Wechsel vom Staatlichen zum Nichtstaatlichen als Gravitationszentrum der Weltpolitik zu schaffen. Seine Credo: Wandel ist möglich, Unaufhaltsames kann nicht gestoppt werden! Machen wir uns an die Arbeit!

Zeichen dieses Wandels stellen auch die an Galtungs Ausführungen anschließenden Berichte über Initiativen in Lateinamerika, Mosambik, Palästina und Jugoslawien dar. Ein Buch, dessen Lektüre stärkt, widerständig macht und die Unaufhaltsamkeit der globalen Menschenrechte eindrucksvoll dokumentiert. Chr. G.-R.

Galtung, Johan: Die Zukunft der Menschenrechte. Vision: Verständigung zwischen den Kulturen. Frankfurt/M.: Campus, 2000. 248 S. (Visionen für das 21. Jahrhundert; 12) DM 36,- / sFr 35,- / öS 263,-

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