Die Zukunft der Familie

Ist das Modell der Ehe, der Elternschaft, der Weiblichkeit und Männlichkeit für den eigenen Lebensentwurf und den, kommender Generationen aufrechtzuerhalten? Diese Frage stellt der Soziologe und Autor des Buches »Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne«, Ulrich Beck. Die sogenannte Moderne befindet sich gegenwärtig in einer neuen Phase im Kampf der Geschlechter. Zwar haben die Frauen epochale Gleichstellungen erkämpft, doch sind nach wie vor sie es, die »wischen, waschen und windeln«. Diese de facta Ungleichheit ist für Beck ein Oberflächenphänomen. In seiner Analyse werden historische Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge einbezogen. Dabei geht es insbesondere um den Zusammenhang von Industriegesellschaft und Kleinfamilie. -Ohne Kleinfamilie keine Industriegesellschaft in ihrer Schematik von Arbeit und Leben.« Das Bedürfnis nach geteilter Innerlichkeit und Partnerschaft in der Ehe ist demnach kein Urbedürfnis, sondern »es wächst mit den Frösten der Einsamkeit, die die Moderne als Kehrseite ihrer Möglichkeiten beherrscht«. Dieser Widerspruch zwischen Arbeitsmarkt und Familie bleibt solange verdeckt, wie die Ehe für Frauen gleichbedeutend war mit Hausfrauen-Dasein und Verzicht auf berufliche Karriere. Mit Fortschreiten der Moderne vermehren sich sowohl Wahlmöglichkeiten als auch Entscheidungszwänge. Wenn Gleichheit im Sinne der Durchsetzung der Arbeitsmarktgesellschaft die berufliche Mobilität aller bedeutet, führt dies unweigerlich zur vollmobilen Single-Gesellschaft. Die berufliche Mobilität ist dem Prinzip von Ehe und Familie implizit entgegengesetzt. »Die Grundfigur der durchgesetzten Moderne ist … der oder die Alleinstehende.« Ist das wirklich der einzige Ausweg, der uns bleibt?  

Gegenläufige Tendenzen zu dieser Entwicklung ortet Beck in der Männerpolitik der verbalen, aber auch nur verbalen Zugeständnisse. »Es herrscht die Illusion vor, mit einer gut eingeübten Rhetorik der Gleichheit und einem Schuss Biologie – Mutterschaft! – sei die alte Ordnung zu halten.« Auch Massenarbeitslosigkeit und die begrenzten, eher noch schrumpfenden Kapazitäten des Arbeitsmarktes führen für Beck nur scheinbar dazu, die Kleinfamilie zu stabilisieren. Beck entwirft eine Utopie der Familie, um „die falsche Alternative zwischen Familienkonservatismus und Marktgleichheit aufzubrechen“. Er wünscht sich partnerschaftliche Formen der Arbeitsmarktmobilität, eine Lockerung des Zusammenhangs zwischen Existenzsicherung und Arbeitsmarktbeteiligung (Abkoppelung der Gesundheits- und Alterssicherung von Erwerbsarbeit) sowie neue Formen des sozialen Zusammenlebens. Beck räumt aber ein, dass die Zeichen für die Realisierung seiner Utopie schlecht stehen. »Die Rückschritte in den Fortschritten resultieren aus vielem. Sicherlich aber auch aus der Last der entgegenstehenden institutionellen Bedingungen.«

Beck, Ulrich: Die Zukunft der Familie. In: Psychologie heute. 14. Jg. (1987), Nr. 11, S. 44-49 

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