Die Zukunft der Agrarpolitik – womit gerechnet werden kann

Von den gegenwärtig etwa 700.000 landwirtschaftlichen Betrieben der BRD wird es um die Jahrtausendwende nur noch die Hälfte geben; ca. 30% der heute noch bearbeiteten Fläche wird nicht mehr zur landwirtschaftlichen Produktion herangezogen werden. Diese zentralen Aussagen zeigen, womit in agrarpolitischer Zukunft gerechnet werden kann, wenn Tendenzen der Gegenwart fortgeschrieben und politische Einflußnahmen weitgehend ausgeschlossen, die bestehenden Richtlinien der EG also beibehalten werden. Die konsequente Nutzung des technologischen Innovationspotentials in Maschinenbau, Tier- und Pflanzenzucht werden im Kampf um Marktanteile sämtliche ethischen Bedenken ausräumen.

Die begrenzten Finanzmittel sollen nach Ansicht Thiedes nur den Technologiewilligen zuteil werden, da nur sie eine Überlebenschance im zunehmend harten Konkurrenzkampf haben werden. Die unverhohlen agrardarwinistische Argumentation des Verfassers zeigt sich u.a. auch bei den Überlegungen zum Abbau von Überschüssen durch Lieferungen in die Dritte Welt. Bereiten schon Transport und Verteilung erhebliche Probleme, so wird für die Beibehaltung des Status quo eine sonderbare Form von Solidarität eingefordert: “Da die Hilfe regemäßig von außen (und billig) kommt, unterlassen die Regierungen der betroffenen Länder oftmals jegliche Anstrengung, die eigene Landwirtschaft zu entwickeln … Die Solidarität mit den Berufsgenossen in den Entwicklungsländern gebietet es den Bauern in den entwickelten Ländern, nicht zu fordern, daß (diese) als Abladeplatz der eigenen Überschüsse mißbraucht werden”. Nicht minder sarkastisch mutet die Argumentation im Bereich Ökologie an: So liest man, daß “das Bodenleben durch Pflanzenschutzmittel insgesamt nur geringfügig und vorübergehend geschädigt” wird. “Aufgeschreckt durch manche Medien, die Einzelfälle aufbauschen und verallgemeinern, fürchtet mancher Verbraucher bei seinen Nahrungsmitteln Rückstände zu finden, die seine Gesundheit gefährden.” Kurz und bündig wird auf den biologischen Landbau eingegangen, “der von einer, wenn auch kleinen Zahl von Bauern mit Erfolg betrieben wird”. Wenig später werden indes wirtschaftliche Bedenken gegen diesen Weg in’ eine andere Agrar-Zukunft angemeldet. Arbeitsaufwand und Preisniveau sprechen gegen eine Ausweitung dieses Ansatzes.

Es soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, daß sich vereinzelt positive Überlegungen finden, ohne daß unter den hier gewählten Vorzeichen davon gesprochen werden kann, daß die Landwirtschaft der Zukunft die Interessen der Ökonomie mit jenen der Ökologie versöhnt. Vielmehr ist anzunehmen, daß die beschriebenen Sachzwänge doch weniger schicksalshaft und unausweichlich sind als der Autor annimmt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich nämlich manche statistisch abgesicherte Prognose als verschleiertes Interesse. Unter dem Eindruck unvorhergesehener Ereignisse könnten nicht zuletzt auch politische Entscheidungen getroffen werden, die den trägen Karren der Landwirtschaft in eine andere Richtung lenken. Wie vielfältig und widersprüchlich die Argumente für oder gegen eine bestimmte agrarpolitische Option sind, verdeutlicht die aktuelle Diskussion in Österreich.

Thiede, Günther: Landwirt im Jahr 2000. So sieht die Zukunft aus. Frankfurt/Main (u.a.): DLG-Verlag (u.a.), 1988.304 S. DM 44,-/sfr 37,30/öS 343,20

 

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