Die Scheinkrise

Warum es uns besser geht als je zu vor und wir dennoch das Gefühl haben zu scheitern

Bourcarde-Hermann-Die-ScheinkriseKay Bourcade vom Ministerium für Soziales in Rheinland Pfalz und Karsten Herzmann, Lehrender an der Universität Osnabrück im Bereich Verwaltungswissenschaften, betreiben neben ihren Brotberufen ein Institut für Wachstumsstudien. Ihre zentrale These, dargelegt in dem Band „Die Scheinkrise“, lautet: Die Zeiten exponentiellen Wachstums in reichen Volkswirtschaften wie jener Deutschlands sind vorbei, was jedoch kein Problem sei, da wir eben bereits ziemlich reich sind. Das Problem liege vielmehr darin, dass die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Wohlfahrtssysteme weiterhin auf exponentielles Wachstum ausgerichtet sind. „Unsere Erwartungen sind exponentiell, doch wir sind gefangen in einer linearen Welt.“ (S. 92). Das bedeute nicht Nullwachstum, d. h. dass unsere Volkswirtschaften „ausgewachsen“ seien, sondern lediglich geringere Wachstumsraten. In Deutschland betrage der jährliche Zuwachs des BIP nach wie vor an die 30 Milliarden Euro. Die Autoren kritisieren die „kollektive Mutlosigkeit“, die die aktuellen Debatten über Wirtschaftspolitik bestimmen: „Nicht mit uns oder mit dem, was wir leisten, stimmt etwas nicht, sondern der Maßstab, mit dem wir unsere Leistungen messen, ist der falsche.“ (S. 132)

Reiche Volkwirtschaften würden neue Wege der Wohlstandssicherung finden. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit sei – so ein Beispiel der Autoren – weniger dem Wirtschaftswachstum geschuldet, sondern vielmehr der Verringerung der Arbeitszeit: in Deutschland von durchschnittlich 1550 Stunden im Jahr 1991 auf 1350 im Jahr 2015 (S. 83). Übertriebene Vorsicht hinsichtlich Wirtschafts- und Sozialpolitik, um wieder stärkeres Wachstum zu erreichen, sei fehl am Platz: die Bekämpfung von Armut, eine die Lebensleistung anerkennende Rente oder höhere Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit sollten wieder Priorität erlangen.

Von Hans Holzinger

Bourcade, Kay; Herzmann, Karsten: Die Scheinkrise. Warum es uns besser geht als je zu vor und wir dennoch das Gefühl haben zu scheitern. Schwalbach: Wochenschau-Verlag, 2018. 167 S., € 14,90 [D], € 15,30 [A]