Die pazifische Ära, ein Weltwirtschaftszentrum von morgen

“Die mediterrane Ära starb mit der Entdeckung Amerikas; die atlantische Ära ist jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung und wird bald ihre Vormachtstellung einbüßen. Die pazifische Ära, bestimmt dazu, die größte aller zu werden, steht gerade am Anfang.” Diese Aussage des Theodore Roosevelts aus dem Jahre 1903 war wohl schon zu Beginn dieses Jahrhunderts keine außerordentliche Prophetie, sondern gründete auf wirtschaftlichen Tendenzen, die heute allenfalls in ihrem Ausmaß überraschen.

Die beiden Autoren, Verfechter eines liberalen marktwirtschaftlichen Kurses, bieten eingangs 15 Länderskizzen des pazifischen Wirtschaftsraums. Die Dominanz Japans und der USA sehen sie als gesichert an, auch wenn neue industrielle Schwellenländer in Teilbereichen Erfolge verbuchen können. Zu nennen wäre hier etwa Korea (Automobil- und Schiffsbau). Die wirtschaftliche Potenz Japans – die 1987 in einem Handelsbilanzüberschuß von 96,5 Mrd. $ allein gegenüber den USA zu Buche schlug – ist durch neue Managementstrukturen, rigorose Ausrichtung der Produktion nach ausschließlich wirtschaftlichen Kriterien und eine vergleichsweise zurückhaltende Sozial- und Lohnpolitik auf lange Zeit gesichert. Da die Technologie des Kernbrennstoffkreislaufes “im Prinzip zur Verfügung steht” und “nur die Endlagerung noch nicht gelöst” ist, zollen die Verfasser dem östlichen Wirtschaftsriesen auch in dieser Hinsicht höchstes Lob (und blicken bedauernd auf die Szene im eigenen Lande).

Den ASEAN-Staaten, an deren Spitze der Erdöllieferant Brunei mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 20.000 Dollar weit über der BRD liegt, sowie der – widersprüchlichen – Rolle Chinas sind umfangreichere Abschnitte gewidmet; die Bedeutung der asiatischen Sowjetunion wird dagegen trotz der Reformansätze Gorbatschows und unermeßlicher Energiereserven zurückhaltend beurteilt.

Den EG wird empfohlen, sich weit stärker nach Osten zu orientieren, um den “bereits mit Volldampf fahrenden Zug in die Wirtschaftsregion Pazifik” nicht zu verpassen. Neue Chancen in der zunehmend härteren Auseinandersetzung der Blöcke sehen die Autoren in der Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes ab 1992. Dezentralisierung, Individualisierung, kundengerechte automatisierte Produktion, weniger Hierarchie – ein Management permanenter Innovation, bei welchem Wissen vor Produktion rangiert, bestimmen die optimistische Sicht sozialproduktorientierten Wirtschaftens.

Das auch in diesem Zusammenhang nicht zu vernachlässigende (Un)Verhältnis zwischen Nord und Süd wird auf ein Verteilungsproblem reduziert, nachdem “die Agrar-Chemie . . die Ängste der frühen 70er Jahre vor einer Welthungersnot in das glatte Gegenteil verwandelt hat … ” Diese Sicht legt die Vermutung nahe, daß Werte wie Solidarität und Toleranz umgekehrt proportional zum wirtschaftlichen Erfolg wachsen. Wäre es nicht denkbar, hier im “alten Europa” Modelle sozialer Innovation zu skizzieren und zu erproben? Vielleicht blickt der pazifische Raum schon übermorgen mit neuem Interesse zurück und nach vorne zugleich. Die Richtung bleibt allemal abhängig vom Standpunkt des Beobachters.

Sames, Carl-Wolfgang; Wagner, Wolfgang: Pazifik – Weltwirtschaftszentrum von morgen: Düsseldorf: Econ-Verl., 1988.272 S. DM 48,-/ sfr 40,70/ öS 374,40

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