Die kulturellen Werte Europas

Noch ist nicht absehbar, ob die Ablehnung der Europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlanden zu einem neuen, differenzierten Dialog darüber führen wird, was den Kontinent definiert, ihn heute prägt und auch morgen noch bestimmen soll. Fest steht allerdings, dass die Reflexion von Genese und aktueller Bedeutung der kulturellen Werte im europäischen Einigungsprozess bislang eine bestenfalls zweitrangige Rolle gespielt hat. Könnte sich dies nun ändern? Und wenn dem so wäre, was kann – oder sollte – dabei eigentlich diskutiert werden?

Eine ebenso aktuelle wie wertvolle Orientierungshilfe zu diesen Fragen bietet der vorliegende, auf ein Kolloquium der Stiftung „Forum für Verantwortung – Stiftung für nachberufliche Bildung“ vom März 2004 fußende Band. International renommierte Philosophen, Soziologen, Historiker und Religionswissenschaftler legen darin in insgesamt 16 Beiträgen gleichermaßen differenzierte und geschichtlich fundierte Analysen vor, die sich auch – das ist besonders hervorzuheben – durch Allgemeinverständlichkeit auszeichnen. In einer profunden Zusammenschau der Beiträge legt Hans Joas zunächst eine plausible Analyse und Definition des Werte-Begiffts vor. Demnach sind Werte „etwas, das uns ergreift, das wir nicht direkt ansteuern können, das aber, wenn es uns ergreift, zu einer spezifischen Erfahrung der Freiheit führt, die selbst unter Bedingungen äußerer Unfreiheit nicht verschwindet“ (S. 14). Im Gegensatz zu Normen, die unser Handeln einschränken, also restriktiv sind, sind Werte konstitutiv und attraktiv. Und während Wünsche, so Joas, „das faktisch Gewünschte beinhalten (…), [handelt es sich bei Werten] um selbst stark emotional besetzte Vorstellungen über das Wünschenswerte“ (S. 15).

Grundlegend für die Herausbildung von Werten ist nun, wie der israelische Soziologe Samuel E. Eisenstedt im einleitenden Beitrag herausarbeitet, die Erfahrung bzw. Erfindung der Transzendenz, die zwischen 800 und 200 v. Chr. für alle „Kulturen der  Achsenzeit“ (nach K. Jaspers) bestimmend ist und die Periode mythischer Welterklärung ablöst. Die Polarität bzw. Synthese der jüdisch-christlichen und der griechisch-römischen Tradition sowie der Entdeckung der kulturellen Vielfalt, welche Michel Borgolte als herausragende Leistung des Mittelalters darstellt, stehen im Zentrum weiterer Überlegungen. Mit dem wohl meistgenannten und auch für die Geschichte Europas zentralen Wertekomplexen „Freiheit“ und „Rationalität“, die nach W. Schluchter bei weitem kein Spezifikum Europas darstellt, werden zentrale Werte thematisiert. Nicht minder spannend, und vor allem auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um alternative Wohlstands- bzw. Wirtschaftsmodelle von Relevanz sind die Ausführungen zum „Wert der Innerlichkeit“ (K. Fluch), zur „Bejahung des gewöhnlichen Lebens“ (W. Reinhard) und zur „Idee der Selbstverwirklichung“ (Chr. Menke). Dem Stellewert der Aufklärung in der deutschen Geschichte widmet sich R. Koselleck, die er vor allem auf protestantisches Denken gegründet sieht, und die „theologisch imprägniert blieb“. Mit Blick auf die Metaphorik der Aufklärung, die in der Antinomie von „Hell“ und „Dunkel“ nach wie vor in der politischen Rhetorik ihren Platz findet (und damit zu Zwecken der Propaganda missbraucht wird, plädiert Kosellek „für den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen“ (S. 316). Dem „Europa des Totalitarismus“ als dem „dunkeln Kontinent“, dem Wertewandel aus Sicht der Sozialforschung, den „Wirklichkeiten der Kulturkämpfe“ (D. Senghaas) sowie dem „Wettstreit der Werte“ in der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Islam sind weitere Kapitel gewidmet. „Hat Europa eine kulturelle Identität?“, fragt abschließend Peter Wagner. Der Politologe verwiest zunächst überzeugend auf die eher statische Dimension des Terminuns, um im Kern seiner Überlegungen die Entwicklung Europas (1.) als Abfolge von Spaltungen (Reformation und Religionskriege, Revolution, Öffentlichkeit und Privatheit, Kapitalismus und Klassen), (2.) als von „Prozessen der Problemerschaffung“ (Pluralität und Vielfalt, Möglichkeit des „besseren Lebens“ durch Fortschritt, Freiheit und Selbstbestimmung, Gleichheit, Wohlstand und Soldiarität) bestimmt, und (3.) als Umkehr einer Entwicklungsrichtung charakterisiert sieht, durch die „Erfahrung Europas als einer spezifischen Einheit in der Welt“, in der die Entfaltung von Identität als andauernder und offener Prozess zu leisten ist. W. Sp.

Die kulturellen Werte Europas. Hrsg. v. Hans Joas … Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verl., 2005. € 13,90 [D],14,20 [A], 24,30 sFr ISBN 3-3596-16402-8

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