Die Idee der Gerechtigkeit

Die Idee der Gerechtigkeit beschäftigt die Menschen seit Langem. Amartya Sen widmet sein sein neuestes Buch. Wir Menschen haben das Problem, dass wir nicht sicher wissen, was gerecht ist. Man denke an den eigenen Lohn. Was ist ein gerechter Lohn? Soll man ihn nach Mühe, eingesetztem Talent, ertragenem Risiko, Dauer der Leistung oder Marktwert der Leistung bemessen? Oder soll man die Faktoren mischen? Nach welchem Satz? Für jeden der Ansätze könnte man mehr als nur ein plausibles Argument finden.

Am praktischsten wäre es, wenn Gerechtigkeit gottgegeben wäre. Das würde uns die Debatte ersparen. Leider aber haben sich die Menschen von dieser Idee immer stärker abgewandt. An seine Stelle sind andere große Erzählungen getreten, die eine klare Idee von Gerechtigkeit proklamierten. Aber auch diese Absolutsetzungen erwiesen sich als nicht tauglich, mit den Ungerechtigkeiten der Welt zurande zu kommen. Im Gegenteil: Auch sie produzierten in zunehmendem Maß Zustände, die als ungerecht empfunden wurden.

 

Gerechtigkeit als Diskurs

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich immer stärker die Vorstellung durch, dass Gerechtigkeit Ergebnis eines Diskurses sein sollte. Natürlich sollte dieser herrschaftsfrei und rational sein. John Rawls beschrieb, zu welcher Konzeption eine Verhandlung gleichberechtigter Menschen kommen würde, wenn die Beteiligten nicht wissen, welche Position sie in einer Gesellschaft einnehmen (werden). John Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ gilt mit diesem Argument seit 1972 als ein Hauptbezugspunkt des Denkens über Gerechtigkeit.

Amartya Sen beschäftigt sich intensiv mit Rawls und versucht über ihn hinaus zu gehen. Sein erster Kritikpunkt bezieht sich auf den „institutionellen“ Charakter von Gerechtigkeitskonzeptionen. Denn die  Suche nach einer perfekten Organisation von Gerechtigkeit lenke davon ab, die konkreten Ungerechtigkeiten sofort in Angriff zu nehmen.

Er hält diesem – wie er es nennt – transzendentalen Gerechtigkeitsbegriff einen vergleichenden entgegen. Es gehe darum zu prüfen, welches Leben Menschen leben können, zu welchen Verbesserungen sie die Ressourcen haben. Sen formuliert es so: „Diese Theorie muss vielmehr davon ausgehen, dass Gerechtigkeit nicht indifferent gegenüber dem Leben sein darf, das Menschen tatsächlich führen können.“ (S. 47) Sofortige Verbesserungen benötigen auch keinen endgültigen bzw. allgemein Begriff, dem man sich mit jeder Änderung nähern muss. Darauf verzichtet er, weil er meint, dass man vergleichend auch erkennen kann, was gerechter ist: Man kann die Sklaverei abschaffen, auch wenn man keine Idee einer perfekt gerechten Gesellschaft hat. „Vergleichende Einschätzungen der Erweiterung von Gerechtigkeit treffen wir ständig“, meint Sen.

 

Social Choice Theory

Bei Rawls hatten Akteure hinter dem Schleier des Unwissens einen allgemeinen, „perfekten“ Begriff von Gerechtigkeit festgesetzt. Gerechtigkeit kann somit erreicht, oder nicht erreicht werden. Diese Auffassung teilt Sen nicht, für ihn geht es immer nur um graduelles Schaffen vergleichsweise gerechterer Lebensumstände. Das Instrument dazu ist der „bestmögliche Vernunftsbegebrauch“ (S. 18), der am ehesten in Demokratien möglich ist.

Sens Verzicht auf einen allgemeingültigen Begriff von Gerechtigkeit führt zur Pluralität: „Die Pluralität, mit der wir dann enden, wird das Resultat des Vernunftgebrauchs, nicht des Verzichts auf vernünftiges Denken sein.“ (S. 10)

Wenn aber das Anstreben von Gerechtigkeit bei Sen von den Fähigkeiten des Einzelnen abhängt, fällt dem Einzelnen eine große Aufgabe zu. Das ist bei Sen kein Zufall, modelliert er seine Modell doch mit Hilfe der Social Choice Theory. Diese Theorie setzt beim Individuum an: Es sind die Einzelnen, die denken, auswählen und handeln, nicht Gruppen. Einzelne konstituieren Gruppen, aber natürlich handelt der Einzelnen unter gesellschaftlichen Einflüssen. Es sind aber die Einzelnen, die sich in einer konstanten öffentlichen Konversation verständigen und so Ungerechtigkeiten beseitigen (könnten). “Menschen … nur als Mitglieder einer bestimmten Gruppe aufzufassen, wäre ein grober Verstoß gegen die persönliche Freiheit, zu entscheiden, wie sie sich selbst sehen wollen. Die zunehmende Tendenz, Menschen nur eine einzige dominante `Identität´ zuzuschreiben, (…) ist nicht nur ein Versuch, Menschen eine externe und willkürliche Priorität aufzuzwingen, sondern verwehrt ihnen auch die wichtige persönliche Freiheit, selbst über ihre jeweilige Loyalität zu den verschiedenen Gruppen zu entscheiden, denen sie angehören.“ (S. 274f) S. W.

Sen, Amartya: Die Idee der Gerechtigkeit. München: H.C. Beck, 2010. 493 S., € 29,90 [D],

30,90 [A], sFr 52,30 ; ISBN 978-3-406-60653-3

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