Nachdenken über die Grenze

Gronemeyer-die-Grenze„Je mehr wir versuchen, Grenzen zu überwinden und aufzulösen, desto stärker kehren sie zurück: sei es in Form von ‚Grenzwerten‘, sei es in Form von ‚Obergrenzen‘ des vermeintlich Zumutbaren.“ Damit kündigt der Verlag das neue Buch von Marianne Gronemeyer, Trägerin des Salzburger Landespreises für Zukunftsforschung 2011, an. Sein Titel: „Die Grenze. Was uns verbindet, indem es trennt“. Pointiert und sprachlich brillant widmet sich die Autorin einem Thema, das an Bedeutung gewinnt, sei es im Kontext von nachhaltiger Entwicklung und Eindämmung des Klimawandels, Herausforderungen, die ohne die Bereitschaft und Fähigkeit zu Begrenzung nicht bewältigt werden können, sei es – wie im Zitat angesprochen – im Zusammenhang mit den geschürten Ängsten vor Migration. „Neuerdings sind die totgesagten Grenzen wieder im Kommen. Mögen sie auch gegen die radioaktive Wolke, den Informations-, Waren- und Finanzströmen nichts mehr entgegenzusetzten haben, gegen die ´Flüchtlingsströme´ taugen sie immer noch“ (S. 9), so Gronemeyer gleich zu Beginn. Menschen würden sich auf einmal wieder nach übersichtlichen Verhältnissen sehnen. Doch geht es um die Wirtschaft und unseren Konsum und Komfort, sehe die Sache anders aus: „Die tiefe Abneigung gegen alles Begrenzende ist ungebrochen.“ (S. 10)

Ambivalenz und Vielschichtigkeit

„Grenzen“ sind für Marianne Gronemeyer etwas Ambivalentes und Vielschichtiges. In sieben Essays nähert sich die Autorin unterschiedlichen Facetten des Themas. In „Drinnen und Draußen“ etwa geht es um die „Schlüsselgewalt“, die Bedeutung von „Behausung“ und was es bedeutet, wenn Menschen gleich Dingen in „Containern“ untergebracht werden. In „Schwellen – Türen – Wände“ räsoniert Gronemeyer über Gastfreundschaft und Respekt, in „Wachsen und Lernen – zwei Grenzerfahrungen“ über den Machbarkeits- und Konsumwahn der Moderne – in Erinnerung an Ivan Illich. Hier kommt die Autorin auch auf die „Limits of Growth“ und das Dilemma unseres Wirtschaftens zu sprechen: „Was im Kapitalismus ökonomisch unerlässlich ist, ist ökologisch untragbar.“ (S. 82)

In „Grenzenlose Grenzwerte“ verweist uns die Autorin auf die trügerische Sicherheit von naturwissenschaftlich festgelegten Grenzwerten, in „Grenzen wahren“ auf den verengten Blickwinkel der Optimierung. „Der Austausch des >Mehr vom Gleichen< durch >Besseres vom Gleichen< schneidet den Weg zum Ganz-Anderen endgültig ab.“ (S. 153) Und schließlich wendet sich Gronemeyer dem Thema „Flüchtlinge“ zu. In „Ankunft ohne Zukunft“ geht es darum, dass freie Grenzübergänge nur den Privilegierten vorbehalten sind, in „Wir und die Anderen“ um die neuen Grenzziehungen, ein Thema, das „die politischen Verhältnisse durcheinanderwirbelt und das wohl auf lange Sicht nicht zur Ruhe kommen wird.“ (S. 195)

Ein vielschichtiges, nachdenkliches Buch, das von den Nuancen des behandelten Themas lebt. Aufgabe der Politik in allen Wohlstandsgesellschaften wird es in Zukunft sein, uns wieder „Begrenzungen“ zuzumuten. Kein leichtes Unterfangen in permissiven Gesellschaften. So scheint es einen Unterschied zu machen, ob Grenzen vorgesetzt oder erkannt werden. In den Worten der Autorin: „Eine Grenze, die erkannt oder wahrgenommen wird, ist eine gänzlich andere als jene, die gesetzt wird, und sie fordert eine völlig andere Haltung heraus.“ (S. 18)

Von Hans Holzinger

Gronemeyer, Marianne: Die Grenze. Was uns verbindet, indem es trennt. Nachdenken über ein Paradox der Moderne. München: oekom, 2018. 231 S., € 22,-, [D], € 22,70 [A]

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