Die Globalisierung und ihre Kritik(er)

Jenseits des strapazierten Schlagworts „Globalisierung“ wird die Diskussion geprägt von den „Globalisierungs-Befürwortern“ auf der einen Seite, die die Entwicklung als „Wohlstandsbringer“ begrüßen und den „Globalisierungs-Gegnern“ auf der anderen Seite, welche die mit zunehmenden Globalisierungsprozessen einhergehende Gefahren problematisieren. Als Einstieg in die ernsthafte soziologische Debatte über Globalisierung wird zunächst darauf hingewiesen, dass der Begriff nach wie vor „theoretisch unscharf, unterbestimmt und ideologisch vielfältig aufladbar“ ist. Hier dürfte es sich aber wohl eher um einen rhetorischen Hinweis handeln, denn kaum ein anderer Begriff wurde jüngst derart strapaziert.

In insgesamt 14 Beiträgen wird im vorliegenden Band versucht, die Rahmenbedingungen und Divergenzen der aktuellen Globalisierungsdebatte aus unterschiedlichen Perspektiven v. a. einer soziologischen Deutung zu unterziehen. Globalisierung gilt den Herausgebern von der Universität Dortmund als ein mächtiger Prozess, der nicht nur Pros und Cons auslöst, sondern auch widersprüchliche Zukunftsmodelle, Erwartungshaltungen von u. a. von Entwicklungstheoretikern und Ökologen sowie unterschiedliche Szenarien aus kulturwissenschaftlicher Perspektive (M. Prisching, Graz).

Breiten Raum nehmen Analysen und Bewertungen der globalisierungskritischen Bewegung ein. So versucht das Autorenpaar Holzer/Kuchler (München/Bielefeld) zu zeigen, dass diese „das Ausmaß ihrer Opposition gegen dominante Werte und Strukturen oft überschätzt“ (S. 91). Die Wirksamkeit wohlfahrtsstaatlicher Intervention unter den Bedingungen der Globalisierung untersucht M. Opielka (FH Jena). Er sieht eine Transformation der Sozialpolitik in Zeiten der (Wohlfahrts)globalisierung, weil die Garantie der Teilhabe zunehmend im Zentrum sozialer Grundrechte stehe. Am Beispiel des seit 2001 aktiven Attac-Netzwerkes scheint es für John/Knothe (Hohenheim/München) fraglich, ob es der globalisierungskritischen Bewegungen überhaupt gelingen kann, auf die bürgerliche Gesellschaft einzuwirken (Reflexivität), weil die Analyse des Zusammenhangs von Globalisierung und Wohlfahrtsstaat multidimensionale Konzepte nahelegen. Um das Verhältnis der Sozialen Bewegungen zur bürgerlichen Gesellschaft geht es in einem weiteren Beitrag, der die organisatorischen und institutionellen Strukturen der Weltsozialforen (WSF) thematisiert. Mit der sozialen Verantwortung von Wirtschaftseliten, beschäftigt sich P. Imbusch (Marburg). Heute bekennen sich, so sein Resümee, – „abgesehen von jenen, die angeben, sie könnten sich gesellschaftliche Verantwortung aus ökonomischen Gründen nicht leisten oder seien dafür nicht zuständig – die Mehrheit der Unternehmen zu ihrer Verantwortung“ (S. 213) Verantwortung hat aber seiner Ansicht nach jetzt einen anderen Stellenwert als früher –sie sei weniger verbindlich, anders definiert und freiwillig.

„Unter dieser Voraussetzung wird die Interpretation gesellschaftlicher Verantwortung sogar mit dem neoliberalen Credo vereinbar, indem es die eigenen und möglicherweise sogar rücksichtslose Vorteilsnahme als ‚unausweichlich’ oder ‚notwendig’ ausgibt oder ‚im gesellschaftlichen Interesse’ für gerechtfertigt hält.“ (P. Imbusch, In: Die Globalisierung und ihre Kritiker S. 213)

Widersprüche und Konflikte der Globalisierungskritiker in Deutschland sind abschließend noch Thema der Herausgeber. Sie bescheinigen den in diesem Kontext Engagierten trotz großer Heterogenität eine zwar anhaltend vage, gleichwohl aber tragfähige Identität. Von den Aktiven selbst wird genau diese Heterogenität als Vorteil insofern gesehen, als man sich auf bestimmte Grundprinzipien einigt, darüber hinaus aber niemandem Rechenschaft schuldig ist. A. A.

Die Globalisierung und ihre Kritik(er). Zum Stand der aktuellen Globalisierungsdebatte. Hrsg. v. Ivonne Bemerburg … Wiesbaden: VS, 2007.  249 S., € 25,60 [D], 26,40 [A], 44,80 sFr

ISBN 978-3-531-15166-3

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