Die Diktatur des Profits

Wie hat sich das „Fiasko des Ultraliberalismus“ seit Viviane Forresters erster Analyse („Der Terror der Ökonomie“, 1997, vgl. PZ 4/97*435) weiter entwickelt?
Ob ihrer scharfen Kritik von manchen französischen Wissenschaftern als „unseriöse Schwarzmalerin“ angeschwärzt, hat ihr die Entwicklung in den folgenden drei Jahren   leider   recht gegeben. Wie in PZ a.a.O. anschaulich charakterisiert wird, treffen „…ihre essayistisch anmutenden Analysen … ins Schwarze: Von Wirtschaftskonzernen erdachte Globalisierungsstrategien verändern das Weltwirtschaftssystem grundlegend… Ein Gesellschaftssystem, das Arbeit als zentralen Lebensinhalt definiert hat, tut sich demnach immer schwerer, einen adäquaten Ersatz zu finden und den Leuten zu erklären, dass es in Zukunft immer weniger bezahlte Arbeit geben wird. Die Folge sind Furcht und Verunsicherung, Zorn auf Politiker, deren Handlungsspielraum noch immer überschätzt wird, und die Anfälligkeit für „starke“ Politiker, die Rettung versprechen (ohne sie freilich zu bringen). Letztlich zeigt Forrester, dass der global agierenden Wirtschaft die von ihr verursachte Bedrohung demokratischer Strukturen nicht nur egal, sondern durchaus recht ist. Schließlich braucht sie günstige Produktionsfaktoren, nicht aber auf Rechte pochende Arbeiter und Angestellte.“
Diese Einschätzung des Rezensenten gilt auch für Forresters zweites Werk. Sie erweitert darin die Kritik des ersten Titels, in dem sie ein zynisches Profitdenken in der Wirtschaft analysiert hatte, das weltweit Arbeitsplätze zerstört und ihre Zerstörung zugleich verleugnet   beides auf Kosten der Menschen und ihrer Mitwelt: „Die politische Klasse fürchtet zu Unrecht, den Menschen durch die öffentliche Anerkennung der Realität angst zu machen. Ist sie sich nicht klar darüber, dass die Zahl derjenigen, die sich dieser Realität bewusst sind und ihr bewusst die Stirn bieten, beträchtlich ist? Diese Menschen haben keine Angst: Sie sind empört.“ (S. 89) Die französische Essayistin entlarvt anhand weiterer Beispiele der Zerstörung der Arbeitswelt durch den aggressiven Neoliberalismus, dass in vielen westlichen Demokratien eine ideologische Diktatur entstanden ist, der neben der Politik auch die Ökonomie als „Haus für alle“ zum Opfer gefallen ist. Die dominierende Zielvorgabe   der pure, zunehmend virtuelle Profit   ebnet dabei auch die Unterschiede zwischen den Parteien ein. Seit den gewaltfreien Protesten gegen die WTO in Seattle versammelt dieser Widerstand Bewegungen mit unterschiedlichen Anliegen und uneinheitlichen Strategien. Forrester hält nichts von der längerfristigen Reformperspektive, die eine Vereinnahmung durch Gremien impliziert, die den „Ultraliberalen“ dienen. „Widerstand leisten, bedeutet zunächst: sich weigern. Dringlichkeit liegt heute in dieser Weigerung, die nichts Negatives hat, die ein unerlässlicher, ein lebenswichtiger Akt ist. Das Vorrangigste aller vorrangigen Dinge, den Terror der Ökonomie abzulehnen, [bedeutet], sich aus der Falle zu befreien und dann Schritte nach vorne zu tun. Dringlich ist nicht die unmittelbare Lösung von falschen Problemen.“ (S. 200) „Wenn ein Brand schwelt oder ausbricht, denkt man dann schon über die Reparaturen nach, zeichnet Pläne eines neuen Hauses, bevor man das Feuer löscht?… Dieses Regime ist bereits zu weit gegangen, und wenn es sich weiterentwickelt, besteht die Gefahr, dass es uns zu jenem Schlimmsten treibt, auf das es uns geradezu abrichtet, indem es alles, was dorthin führt, alltäglich erscheinen lässt.“ (S. 203)
Im Unterschied zu Forrester legen Susan George und andere im (nicht nur) französischen ATTAC-Netzwerk involvierte Globalisierungsgegner darauf Wert, an Alternativen zu arbeiten, ohne sich dabei von Wirtschaftslobbies und von ihnen dominierten Institutionen ködern zu lassen. (Wer sich für die Arbeit von ATTAC interessiert, dem seien die Internet-Sites www.attac-austria.org, www.attac.org/schweiz, www.attac-netzwerk.de empfohlen.) M. Rei.
Treffende Analysen u.a. zur Einbindung der NGOs und Experten, der zunehmenden Abhängigkeit der UNO von Finanzierungen transnationalen Konzernen und Finanziers   formuliert von entwicklungspolitisch orientierten Journalisten und Wissenschaftern enthält der Band
Die Privatisierung der Weltpolitik. Entstaatlichung und Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess. Hrsg. v. Tanja Brühl … Bonn: J.H.W. Dietz, 2001. ca. 300 S. (EINE WELT Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden;. 11) DM / sFr 24,80 / öS 181,-

Forrester, Viviane: Die Diktatur des Profits. München: Hanser, 2001. 210 S., DM 35,- / sFr 32,50 / öS 256,-

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