Die demografische Zukunft von Europa

Alle Weltregionen mit Ausnahme von Europa und Russland wachsen aufgrund hoher Kinderzahlen. Aber selbst in Afrika und in anderen wenig entwickelten Gebieten Asiens und Lateinamerikas sinkt die Geburtenzahl. Bei uns stagnieren die Bevölkerungszahlen seit Jahren. Österreich war im Jahr 2008 eine Ausnahme. Hier wurden mehr Kinder geboren als Sterbefälle verzeichnet.

Der demografische Wandel ist zweifellos ein globales Phänomen, doch Europa ist davon besonders betroffen. Alle europäischen Länder versuchen, dem Schrumpfungsprozess entgegenzusteuern, sei es durch eine verbesserte Familienpolitik, durch bessere Integration von Zugewanderten, durch eine Aufwertung der Bildung oder durch angepasste Sozialsysteme. Weniger Nachwuchs, alternde Bevölkerungen und eine zunehmende Zahl von Menschen aus anderen Ländern werden Europa in den nächsten Jahrzehnten jedenfalls nachhaltig verändern. Den Höhepunkt der Alterung werden wir allerdings erst in 30 bis 40 Jahren erleben.

In welchen Bereichen zeigen sich ob der geschilderten Veränderungen die gravierendsten Folgen? Weshalb ist die Jugendarbeitslosigkeit in bestimmten Regionen besonders hoch? Wo ist Beschäftigungspotenzial so niedrig, dass Menschen abwandern? Das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ hat die Zukunftsfähigkeit von 285 europäischen Regionen anhand von 24 Indikatoren (demografische, ökonomische, soziale und ökologische) analysiert und bewertet. Betrachtet wurden alle EU-Staaten sowie die Nicht-EU-Nationen Island, Norwegen und die Schweiz.

 

Die Erfolgsregionen

Insgesamt zeichnet die Studie ein überaus differenziertes Bild. Die besten Bewertungen erhalten Regionen im Norden Europas wie etwa Island, das eine vergleichsweise hohe Geburtenrate aufweist. (Dabei wird allerdings nicht berücksichtigt, dass Island den Staatsbankrott angemeldet hat und unter der Wirtschaftskrise am meisten leidet.) Die Hauptstädte Stockholm und Oslo scheiden hervorragend ab und sechs der sieben Schweizer Regionen finden sich auf den ersten zehn Plätzen. Charakteristisch für diese erfolgreichen Regionen sind eine relativ stabile demografische Struktur, hohe Wertschöpfung, ein gutes Bildungsniveau und eine beeindruckende Beschäftigungsquote auch bei älteren Menschen. Vergleichsweise gut stehen auch Irland und Großbritannien, die Benelux-Staaten, Frankreich, der südliche Teil Deutschlands, Österreich und einige nördliche Gebiete in Italien und der Nordosten Spaniens da.

Am unteren Ende der Skala sind ländliche Regionen in Süditalien oder Griechenland sowie vom Strukturwandel betroffene Gebiete in Bulgarien, Rumänien und Polen zu finden. Dort vereinigen sich sehr niedrige Geburtenraten, massive Abwanderung junger Menschen und eine entsprechende Überalterung der verbleibenden Bevölkerung. Insgesamt zeigt sich sowohl ein deutliches Ost-West-Gefälle als auch in einigen Staaten ein internes Nord-Süd-Gefälle. In Schweden, Finnland und Großbritannien sowie in Deutschland zählen die südlichen Regionen zu den Gewinnern – in Italien ist es umgekehrt. Bemerkenswert ist die in Deutschland trotz massiver Subventionen für die neuen Bundesländer nach wie vor verlaufende Grenze zwischen dem hilfsbedürftigen Osten und dem Westen.

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass nirgendwo in Europa damit zu rechnen ist, dass die Fertilitätsraten von heute durchschnittlich 1,5 Kindern je Frau wieder wesentlich über 2,1 steigen werden. Einzig Irland, Island, Frankreich, Großbritannien, Belgien, die Niederlande und die skandinavischen Ländern erreichen eine Fertilitätsquote von wenigstens 1,7, mit der sich die Einwohnerzahl mit moderater Zuwanderung stabil halten ließe. Deutlich wird aber einmal mehr, dass die Zahlung von Kindergeld allein nicht ausreicht, den Verlust eines zweiten Einkommens zu kompensieren. Es bedürfe – so ein Befund der Studie – deutlich höherer Investitionen in eine familienfreundliche Infrastruktur, um die Erwerbstätigkeit beider Partner zu ermöglichen.

Die Chancen des demografischen Wandels sehen die Autoren zum einen darin, „dass grundlegende Reformen lange ausgeblendeter Problembereiche endlich angegangen werden“, zum anderen in der Bereitstellung effizienterer Bildungssysteme und einer modernen Familien- und Gleichstellungspolitik, in der Räume entstehen, „in denen sich die Natur nach dem ökologischen Laissez-faire-Prinzip entwickeln kann“ (S. 71).

Ob sich der demografische Wandel in dem von den Wissenschaftlern abgesteckten Rahmen bewegen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass die Politik einige Ratschläge beherzigen sollte, um nicht der Entwicklung wie bisher durch ausnahmsloses Reagieren zu begegnen. A. A.

Kröhnert, Steffen; Hoßmann, Iris; Klingholz, Reiner: Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Hrsg. v. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. München: Dt. TB-Verl., 2008, 367 S., € 29,90 [D], 20,50 [A], sFr 33,60

ISBN 978-3-423-34509-5

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